Inhalt
Die russische Mafia-Gruppe Janus hat “Goldeneye”, zwei Satelliten, deren elektromagnetische Strahlen alle elektrischen Geräte im Umkreis eines anvisierten Ziels zerstören, in ihre Kontrolle gebracht. Der Chef dieser kriminellen Bande ist Ex-”006″ Alec Trevelyan (Sean Bean), James Bonds (Pierce Brosnan) ehemaliger Kollege. Zusammen mit der Computerspezialistin Natalya Simonova (Izabella Scorupco) setzt sich 007 auf die Spuren des Verräters.
Kritik
Willkommen in den 90ern, willkommen beim 17. Bond-Film von Eon Productions unter Albert R. Broccoli, allerdings durch einige Rechtsstreitigkeiten mit ordentlich Verspätung, mittendrin statt zum Start des Jahrzehnts und mit massiven Änderungen, die nicht geplant waren. Ursprünglich sollte der Film bereits 1991 in die Kinos kommen, damals noch mit einer völlig anderen Story (aber dem gleichen Titel) und weiterhin mit Timothy Dalton in der Rolle von 007. Da man sich im Hause United Artists/MGM bei diversen Dingen nicht mit Broccoli und Co. einigen konnte, wurde der Dreh immer weiter verschoben, bis Dalton irgendwann freiwillig ausstieg (u.a. stand seine Person zur Debatte) und das Skript komplett umgeschrieben wurde. Als Nachfolger wurde Pierce Brosnan (The Thursday Murder Club) verpflichtet, der bereits in den 80ern beinah die Rolle bekommen hätte. Durch die lange Verzögerung und die zahlreichen Änderungen wurde so nach nur zwei Dalton-Bonds schon wieder ein Umbruch der Reihe vollzogen. Ob zum Guten oder Schlechten, darüber scheiden sich bis heute die Geister, denn trotz des unbestritten großen Erfolges des Films gab es keine einheitliche Meinung über den Beginn der Brosnan-Ära. Für den der breiten Masse hauptsächlich durch die TV-Serie Remington Steele bekannten Iren war die Rolle nach über 15 Jahren im Geschäft der große Durchbruch auf der Kinoleinwand und etablierte ihn als Star von internationalem Kaliber.
Nach dem nicht ganz so charmanten, dafür handfesterem Dalton (wodurch er bei Publikum und MGM in Ungnade fiel) bedient Brosnan nun wieder mehr den Typ, den seine zwei großen Vorgänger Sean Connery und Roger Moore verkörperten. Lässig, nicht so verkniffen und mit dieser latenten Komm-in-mein-Schlafzimmer-Attitüde versehen, die damals nicht nur als wesentlich unproblematischer, sondern gar als essentiell wichtig für die Rolle betrachtet wurde. In einer gemeinsamen Szene mit Moneypenny wirft diese ihm doch glatt an den Kopf, dass sein Verhalten als sexuelle Belästigung ausgelegt werden könnte (wow, dass diese Begriffe im Bond-Universum überhaupt existieren) – allerdings nur, um ihn damit wie gewohnt verzweifelt anzuflirten. Also keine Emanzipation bei Bond, nur der Elefant im Raum wird wenigstens mal erwähnt…und umgehend der Lächerlichkeit preiszugeben. Aber immerhin bekommt Bond mit der Neubesetzung von M (Judi Dench, Shakespeare in Love) eine weibliche Vorgesetzte – was nicht wahnsinnig viel ändert, aber allein das wäre dreißig Jahre vorher undenkbar gewesen. Tatsächlich ist der Brosnan-Bond wieder mehr schlüpfriger Augenklimperer als der in dieser Kategorie eher biedere (bzw. eigentlich sehr angenehme) Timothy Dalton, wirft dessen großen Vorzüge – zumindest hier - aber noch nicht über Bord. Pierce Brosnans Bond wirkt einerseits verschlagen und unseriös wie ein eloquenter Heiratsschwindler, der gut betuchte Witwen eiskalt um ihr Erbe betrügen würde, bringt gleichzeitig aber diese kantige, glaubwürdige Dynamik mit, mit der sich sein direkter Vorgänger so positiv von der bisher erprobten Wohlfühlzone abhob. Kurzum: Bei GoldenEye ist Pierce Brosnan wie das Beste aus zwei Welten, das (diesmal) noch erstaunlich präzise funktioniert.
Großen Anteil hat daran besitzt einwandfrei Regisseur Martin Campbell (Flucht aus Absolom), der den Job so gut machte, dass ihm auch 2006 mit Casino Royale der nächste (und vermutlich wichtigste) Reset der Reihe anvertraut wurde. Nach dem soliden, aber inzwischen so routinierten wie abgenutzten John Glen, der in den 80ern alle Bond-Filme inszenieren durfte, bringt Campbell genau diesen Schwung mit, der Bond in einem neuen Jahrzehnt präsentieren sollte. Wenn der Mann eines kann, dann richtig gute Set Pieces inszenieren. In einer Zeit, in der CGI noch kein Standard, sondern entweder ein albernes Gadget oder auf Top-Niveau immer noch übertrieben teure Zauberkunst war. Jede der zahlreichen Actionszenen in GoldenEye ist fabelhaft arrangiert, vorgetragen und eingefangen. Unbestrittener Höhepunkt ist dahingehend nicht das Finale (was so gesehen von der Positionierung eigentlich nicht ideal ist), sondern die Sequenz etwa in der Mitte, wenn Bond zum Panzerknacker wird und im GTA-Modus mit eben so einem durch St. Petersburg walzt. Da wird einfach alles platt gefahren, um schlussendlich in einem direkten Duell mit einem Zug zu münden. Und das alles ohne CGI – damals schon krass und aus heutiger Sicht fast noch unglaublicher. Waren das noch Zeiten, sensationell!
Diese absurd-geniale Sequenz beschreibt GoldenEye im Gesamten eigentlich perfekt. Ein hohes Tempo und famose Actionszenen werden mit der immer noch notwendigen Selbstironie und Absurdität so gekonnt geschüttelt (nicht gerührt), dass im Prinzip ein idealer Bond entsteht. Der oftmals so aussieht, als müsste man ihn wirklich ernstnehmen und dann aber doch immer wieder aufzeigt, dass es am Ende des Tages doch nur ganz großer Humbug ist. Was aber eben nicht bedeuten muss, dass man ihn deshalb inszenatorisch auf die leichte Schulter nimmt. Trotzdem darf es im Hobby-Keller des rüstigen Q (unkaputtbar: Desmond Llewelyn) drunter und drüber gehen und beim Bond’schen Liebesakt die Grenzen zum Nahkampf parodistisch verschwimmen, das eine schließt das andere mit diesem gekonnten Feintuning absolut nicht aus. Das ist nur verdammt schwer, aber GoldenEye gelingt dies verblüffend gut. Natürlich stimmt auch nicht alles: Wie schon angedeutet, kann der Showdown mit der bis dahin sehr hoch gelegten Latte nicht mithalten und 1995 immer noch die Karte vom ewig bösen Ivan zu spielen, ist nun wirklich nicht mehr zeitgemäß (interessant übrigens, dass zwei russischsprachige Menschen einen privaten Chat auf Englisch führen). Sei es drum, wenn jetzt noch die Drehbücher intelligent werden, dann wird die Reihe echt gefährlich.
Fazit
Ein Neustart nach Maß. Trotz des vorangegangene Chaos in der Produktion und den massiven Verzögerungen macht „GodenEye“ nahezu alles richtig. Fantastisch inszenierte Action trifft auf eine immer noch unabdingbare, aber nicht übertriebene Note gesunder Selbstironie. Grundsätzlich wurden die besten Eigenschaften aller Vorgänger miteinander vereint und deren Schwächen zwar nicht ausgemerzt, aber deutlicher in den Hintergrund gedrängt. Eine tolle Kombination, die schon im folgenden Teil leider nicht mehr ansatzweise erreicht werden sollte. Und um das bloß nicht zu unterschlagen: Der Titelsong von Tina Turner gehört zur absoluten Speerspitze dieser Kategorie. Auch das noch. Tja, was soll man da noch sagen: Zumindest bis dahin einer der besten Bonds - vielleicht sogar DER beste?
Autor: Jacko Kunze