5.6

MB-Kritik

James Bond 007 - Stirb an einem anderen Tag 2002

Action, Adventure, Thriller

5.6

Pierce Brosnan
Halle Berry
Toby Stephens
Rosamund Pike
Thomas Ho
Rick Yune
Tatiana Lavrentieva
Judi Dench
John Cleese
Michael Madsen
Will Yun Lee
Kenneth Tsang
Derek Lea
Emilio Echevarría
Catherine Porter
Mikhail Gorevoy

Inhalt

Auf der Jagd nach dem größenwahnsinnigen Schurken Gustav Graves (Toby Stephens) und seinem gnadenlosen Erfüllungsgehilfen Zao (Rick Yune) reist Bond in die Höhle des Löwen bis nach Island. In einem fantastischen, vollkommen aus Eis erbauten Palast muss er am eigenen Leib die durchschlagende Wirkung einer neuen Superwaffe kennen lernen. Das Geschehen spitzt sich zu, bis es schließlich, wieder am Ausgangsort Korea angelangt, zu einem explosiven Showdown – und einem unvergesslichen Schlussakt – kommt.

Kritik

Es hätte der ganz große Jubiläums-Bond sein können. Vierzig Jahre nach James Bond 007 jagt Dr. No war Stirb an einem anderen Tag der exakt 20. Film der Reihe von Eon Productions. Heraus kam ein handfestes Desaster. Kommerziell war man natürlich voll im Soll, künstlerisch wurde dieser Teil oftmals als der Tiefpunkt der gesamten Serie bezeichnet und auch wenn man bei dieser Verlosung definitiv einen Diamantenfieber nicht außer Acht lassen darf, unverdient wäre diese Auszeichnung keinesfalls. Gott sei Dank nahm man die Kritik auch ernst und entschied sich in der Folge für den radikalsten Cut, den die Reihe jemals erlebt hatte. Somit war der vierte auch der letzte Auftritt von Pierce Brosnan in dieser Rolle, was ihm langfristig aber auch guttat, um sich als wirklich ernstzunehmender Charakterdarsteller zu etablieren.

Die besten Minuten von Stirb an einem anderen Tag sind glasklar die ersten, aber sobald Madonna mit einer Art bizarrem, elektronischen Anfallsleiden von einem Titelsong um die Ecke gestottert kommt (mit weitem Abstand das grausamste, was es an dieser Stelle jemals zu hören gab), gleicht es einem einzigen Offenbarungseid. Bond darf anfangs zwar mal wieder wirklich leiden, was tendenziell ja immer interessant war, da bis dahin nur selten praktiziert und der Figur in der Regel eine andere Facette abgewinnen werden konnte. Ihm wird auch (schon wieder) der 00-Status entzogen, was bei Lizenz zum Töten noch den besonderen Reiz der Geschichte ausmachte. Diesmal wird es relativ schnell wieder revidiert und eigentlich hatte man es zu diesem Zeitpunkt schon ganz vergessen, da es überhaupt keine spürbaren Konsequenzen hatte. 

Nachdem Pierce Brosnan bei GoldenEye noch wie ein gekonnter Hybrid aus den alten Charme-Bolzen und der kantigeren Interpretation von Timothy Dalton begeisterte, hat er sich leider in Windeseile zu einer ganz eigenen Form von Nervensäge entwickelt. Ein Sprüche-klopfender Gigolo, der aber gleichzeitig auch so bieder wirkt, dass er genauso gut von einem Wahlplakat der FDP stammen könnte. Der Trend war schon ab seinem zweiten Auftritt in Der Morgen stirbt nie deutlich zu erkennen, hier ist er endgültig im Hafen der Unerträglichkeit eingelaufen. Aber eine Figur ist noch viel, viel schlimmer als die von Brosnan und nein, es ist nicht der Kurzauftritt von Madonna (das musste natürlich auch noch sein), für den sie mit einem Razzie-Award abgestraft wurde. Das war natürlich völlig übertrieben – Razzies halt -, wirklich VERDIENT hätte ihn aber ausgerechnet die Frau, die noch Anfang des Jahres als erste Afroamerikanerin mit dem Oscar als Beste Hauptdarstellerin ausgezeichnet wurde. Ab dem Punkt, wenn Halle Berry (Monster’s Ball) in ihrem Ursula Andress-Gedächtnis-Moment aus dem Meer gewatschelt kommt, wird die Nummer peinlich bis manchmal schlichtweg abstoßend. 

Man kann und darf sich problemlos über den Sexismus der alten Connery-Bonds aus den 60ern aufregen, da zieht aber noch so halbwegs das Argument, dass sie eben Kinder ihrer Zeit sind, und unter diesem Brennglas dürfte man kaum einen Film wohlwollend gegenüberstehen, der vor 1970 entstanden ist. Man muss davon nicht alles tolerieren, aber zumindest in ein Verhältnis setzen. 2002 ist das hier Präsentierte ein Armutszeugnis. „Ich habe schon lange nicht mehr mit einer so guten Frau geschlafen“ säuselt Schmierlappen-Bond ihr ganz charmant ins Ohr und später zeigt sie sich besonders beeindruckt von seiner immensen „Stoßkraft“. Die Chemie dieses Duos ist durchgehend furchtbar unangenehm und von einer ganz unheimlich-devoten Stimmung durchzogen. Eigentlich müsste Halle Berry einem für diesen undankbaren und erniedrigenden Part leidtun, aber erstens wurde sie dafür vermutlich fürstlich entlohnt und zweitens hätte sie nach ihrem großen Oscar-Triumph das auch nicht zwingend spielen müssen. Wer nach dem Lesen dieses Drehbuchs da freiwillig mitspielt, ist einfach selber schuld. Und ehrlich gesagt: ihr Spiel ist hier per se schauderhaft, auch das reduziert das Mitgefühl auf ein Minimum. 

Na so was, haben wir noch gar keine Worte über die eigentliche Story und erst recht nicht über den großen Gegenspieler verloren? Kein Wunder, interessiert wirklich niemanden. Toby Stephens (Severance – Ein blutiger Betriebsausflug) ist einer der lahmsten Bond-Villains aller Zeiten und der Plot bringt wieder viel mehr Nonsens mit als die Teile zuvor, aber befreit von Charme in jedweder Form. Damals gab es so Highlights wie geheime Festungen in einem Vulkan, Voodoo-Okkultismus, den Beißer, Bond in der Manege oder gar komplett-unfassbare Gesamtkunstwerke der Absurdität wie Moonraker – Streng geheim – hier gibt es ein unsichtbares Auto und trotz des größten Bond-Budgets bis dahin einige digitale Actionszenen, die einfach nur sagenhaft beschissen aussehen. Das macht keine Freude, es wirkt mehr wie ein prähistorischer Entwurf zu einem schlechten Marvel-Film. Verbrochen hat das Ganze übrigens der neuseeländische Regisseur Lee Tamahori, der nach seinem internationalen Durchbruch Die letzte Kriegerin schnell den Sprung nach Hollywood schaffte, anfangs recht gehypt wurde und auf diesem Peak das hier ablieferte, was mit Recht seine Welle brach. Immerhin durfte dank ihm auch Michael Madsen (dreht mit ihm sein US-Debüt Nach eigenen Regeln) mal in einem James Bond-Film auftauchen. Allein das ist bezeichnend, an welchem Punkt wir hier inzwischen angekommen sind.

Fazit

Krass, wie extrem die Spannweite bzw. Fallhöhe innerhalb der Brosnan-Ära war. Von einem absoluten Highlight wie „GoldenEye“ als Debüt über schnell enttäuschende Nachfolger hin zu einer Bruchlandung wie „Stirb an einem anderen Tag“, die klar zum Bodensatz der Reihe zählt. Selbst die schwächeren Bonds ließen sich vielleicht noch mit etwas Nostalgie und Zeitgeist verklären, die Entschuldigungen für das hier dürften spannend werden. Nie war ein Franchise-Reboot notwendiger – und glückte später umso eindrucksvoller. Aber das konnte hier ja noch niemand ahnen. 

Autor: Jacko Kunze
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