Inhalt
Nach seiner Verhaftung und der Schließung seiner Arztpraxis verliert ein iranischer Arzt den Glauben an die Zukunft und beschließt, seinem Leben ein Ende zu setzen – doch ein letzter Tag im Kreis seiner Familie lässt ihn an seinem Entschluss zweifeln.
Kritik
„Sagen Sie etwas, das meinen Sohn zum Bleiben bewegt!“, bittet eine verzweifelte Mutter in Ali Asgaris (Divine Comedy) tragikomischer Parabel den pessimistischen Protagonisten, der als Letzter darauf eine Antwort wüsste. Nach der staatlichen Schließung seiner Arztpraxis ist Tehran ist Arash (Missagh Zareh, Die Saat des heiligen Feigenbaums) entschlossen, sein Leben zu beenden. In einem Staat, der die Erfüllung des medizinischen Eids als Verbrechen verfolgt, sieht er keinen Sinn mehr in seinen Taten. Deren Wert enthüllen ihm und dem Publikum die melancholischen Episoden seines letzten Tages, der ihm seine zwischenmenschlichen Verbindungen vor Augen führt.
Dass Arash vor seinem Abtritt all seine persönlichen Angelegenheiten zu regeln versucht und selbst seine aufgenommene Streuner-Katze und die Pflanzen versorgt wissen will, etabliert schon in der Eröffnungsszene sein altruistisches Bewusstsein. Sein Bruder (Ramtin Daghigh), der ihn vergebens umzustimmen versucht, gehört neben seiner Frau und erwachsenen Tochter (Sadaf Asgari, Leere Netze) zu einem kleinen Kreis nahestehender Menschen, die er in sein Vorhaben einweiht. Doch schon seine angekündigte Abwesenheit bringt sein Umfeld in Bedrängnis. Die Tochter eines Langzeitpatienten sucht ihn persönlich auf, damit er dessen dringend benötigte Medikamente verschreibt.
Bei dem heimlichen Hausbesuch eines auf einer Demonstration schwer verletzten jungen Mann, der im Krankenhaus wegen seiner Staatskritik verhaftet werden würde, nennt ihn die Mutter des Patienten ihre einzige Hoffnung. Seinen Kollegen sind derartige ethische Einsätze zu riskant. „Verhalt dich einfach ruhig.“, ermahnt ihn ein medizinischer Kollege in dem Ärztehaus, wo Arashs zwangsgeschlossene Praxis vom Auslöser seiner Suizid-Absichten zeugt. In einem eindringlichen Monolog berichtet er seiner Familie von den jugendlichen Opfern der brutalen Polizei-Einsätze gegen staatskritische Proteste. Im Schatten des übermächtigen Regimes ist seine ethische Entschlossenheit unverzichtbar.
Die metatextuelle Schlüsselszene eines Underground-Theaterstücks, in dessen Rahmen der Alltagsheld im Zentrum Ali Asgaris moralischen Episoden-Stücks die improvisierte Bühne betritt, wendet sich zugleich an das Kinopublikum, das mit der eigenen Ohnmacht gegen repressive Strukturen ringt. Jede humanistische Handlung und jeder kleine Akt des Widerstands ist ein Sieg gegen ein unmenschliches System, im Kleinen wie im Großen. Iman Tahsins dokumentaristische Kamera findet in den aufmerksam beobachteten Alltagsmomenten makaberen Humor und den titelgebenden Hoffnungsschimmer. Jenes Licht, das Arash nicht mehr sieht, ist er selbst für andere Menschen.
Fazit
„Can we ever separate our own existence from the lives of others?“, fragt Ali Asgari rhetorisch im Regie-Kommentar seines einfühlsamen Beitrags zum Wettbewerb von Venedig. Das einfühlsame Moralstück gibt die Antwort darauf in einer Serie scheinbar banaler Vignetten, die Angst und Trauer mit Galgenhumor bekämpfen. Missagh Zarehs nuancierte Darstellung ist das emotionale Zentrum des überzeugenden Casts. Dessen zwischenmenschliche Dynamik und die diskrete Bedrohung polizeilicher Überwachung sind das organische Momentum der symbolreichen Story. Versteckte Details (das Katzen-Tattoo) betonen deren Grundsatz gemeinschaftlicher Verbindung und Verantwortung in düsteren Zeiten.
Autor: Lida Bach