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Ende des 12. Jahrhunderts zur Zeit der Kreuzzüge: Der junge Schmied Balian tritt widerwillig eine gefährliche Reise an und folgt seinem Vater und geachteten Kreuzritter Godfrey  in das Heilige Land, um dort in seine Fußstapfen zu treten und dessen Vision von Frieden in die Tat umzusetzen. Als Diener des von Intriganten umgebenen Königs Baldwin IV  findet er sich mitten im Strudel des Krieges und einer unglücklichen Liebe zu Prinzessin Sybilla  wieder. Zum Ritter geschlagen wird er dank seines Mutes zu einem ehrbaren Verfechter des Friedens zwischen den unterschiedlichen Religionen.

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Kritik

Diese Kritik bezieht sich auf den 190-minütigen Director's Cut, die einzig legitime Version, um in den Genuss der Größe und Tiefe von Königreich der Himmel zu gelangen. Die fast 50 Minuten kürze Kinofassung stellt nur eine sprunghafte, kaum organisch erzählte Rumpffassung von Ridley Scotts eigentlicher Vision dar. 

Nein, Königreich der Himmel bemüht sich nicht um geschichtliche Akkuratesse. Vor allem der englische Historiker Jonathan Riley-Smith wurde zu seinerzeit nicht müde, zu erwähnen, dass die Handlung des Films nicht nur faktisch falsch sei, sondern auch in Anbetracht der tatsächlichen Sachverhalten vollkommen unsinnig. Das mag durchaus stimmen, Ridley Scott (Der Mann, der niemals lebte) aber möchte hier keinen belehrenden Geschichtsunterricht abliefern, der sich allein auf sein lexikalisches Wissen beruft. Es geht dem Oscar-Gewinner vielmehr darum, Geschichte erfahrbar zu machen und dem Zuschauer dadurch ein Gefühl für die Zeit der Kreuzzüge zu vermitteln. Ähnlich wie bei Gladiator aus dem Jahre 2000 klaubt sich das Drehbuch aus diversen historischen Gegebenheiten und Überlieferungen zusammen und erschafft daraus eine ganz eigene Geschichte. Das kann man natürlich kritisieren.

Damit würde man sich selbst aber den Zugang zu einem der eindrucksvollsten Monumentalfilme des neuen Jahrtausends versagen, denn genau das ist Königreich der Himmel (natürlich ausschließlich im Director's Cut) geworden: Ein Meisterwerk seines Genres. Nach einigen Texttafeln, die uns darüber aufklären, dass die Bauern und Adligen aus Europa auf der Suche nach Reichtum und Erlösung ins heilige Land fliehen, treffen wir auf Balian von Ibelin (Orlando Bloom, Fluch der Karibik), den Protagonisten der Erzählung. Ein einfacher Schmied, der sich in Trauer über den Freitod seiner Frau befindet und kurz darauf erfährt, dass der große Tempelritter Godfrey (Liam Neeson, Gangs of New York) sein Vater ist. Dieser bietet Balian an, ihn mit nach Jerusalem zu nehmen, wo er sich und seine Frau von allen Sünden freisprechen kann.

Auch wenn Balian erst ablehnt, landet er irgendwann doch in Jerusalem – nicht zuletzt deswegen, weil ihm das Schicksal mehr als einmal überaus gewogen ist. Er übersteht nicht nur einen Hinterhalt, dessen Folgen Godfrey letztlich erliegt, sondern überlebt auch einen Schiffbruch und einen Schwertkampf mit einem Sarazenen: Er erweist sich als würdig, das heilige Land zu betreten. Oder noch mehr, er erweist sich als würdig, das heilige Land in ein Königreich des Gewissens zu führen. Mag die Figur des Balian auch etwas zu sauber erscheinen und mit Orlando Bloom einen Schauspieler zugesprochen bekommen haben, dessen darstellerisches Repertoire nicht zu Unrecht als überaus limitiert gilt, so wird dieser Charakter in Königreich der Himmel zum moralischen Gradmesser und Ankerpunkt einer Welt, in sich der nicht mehr Fürsten bekriegen, sondern seit über hundert Jahren ein Krieg der Götter tobt. 

Balian aber kommt indes nicht nach Jerusalem, um zu kämpfen, sondern um zu vermitteln und Frieden zwischen den Religionen zu schaffen. Er setzt sich für eine friedliche Koexistenz zwischen Christen und Moslems ein, um das Volk Jerusalems zu beschützen. Die Weitsicht, die Königreich der Himmel inne trägt, keimt dabei aus dem Umstand, dass die Anführer beider Parteien, sowohl der an Lepra erkrankte König Balduin (Edward Norton, Fight Club) als auch Sultan Saladin (Ghassan Massoud, Exodus: Götter und Könige), ebenfalls darum bemüht sind, Differenzen im Dialog zu klären. Dass dieses Vorhaben nicht aufgeht, liegt nicht an den beiden Anführern, sondern an ihren fanatischen, machthungrigen Untergebenen. Es kommt zu einer gigantischen Schlacht, Menschenmengen prallen auf Menschenmengen, die Wogen des Krieges veranschaulichen ihre unermessliche Kraft. Die Kreuzzüge waren ein elendiges Massensterben.

Dieses archaische Schlachtengetümmel, welches im letzten Drittel von Königreich der Himmel entbrennt, ist schlichtweg herausragend inszeniert. Ridley Scott aber labt sich nicht an dieser virtuosen Bildgewalt, er erkennt nichts Heroisches im Akt des Tötens, sondern blickt immer wieder mit Abscheu und Schrecken auf das bestialische Treiben, welches sich in und um die Festung Kerak zuträgt. So beeindruckend und immersiv die Wirkung auch sein mag, die von der detailmanischen Ausstattung, den Kostümen und dem Produktionsaufwand ausgeht, Königreich der Himmel betreibt keine Schauwert-Augenwischerei, sondern formuliert ein deutliches Anliegen: Heiligkeit liegt im gerechten Handeln, nicht im Wahn von Fanatikern jedweder Konfession, die das Blutvergießen als Wille Gottes bezeichnen. Zu viele Religionen blitzten und blitzen weiterhin in den Augen zu vieler Mörder auf. Deswegen darf Saladin die klugen Worte sprechen, dass Jerusalem nichts und gleichzeitig alles bedeutet. 

Niemand hat Anspruch auf dieses heilige Land, weil wir alle Anspruch darauf haben. Auf die Klagemauer, das Grab Christi, die Moscheen. Besonders bitter, aber letztlich nur folgerichtig, erweist sich auch die Erkenntnis, dass es in den Kreuzzügen letztlich gar nicht mehr darum geht, für Gott in einen Krieg zu ziehen. Es geht um wirtschaftliche und politische Interessen, um Wohlstand und Ländereien. Hat sich daran etwas geändert? Die Kreuzzüge mögen vorbei sein, die Religionskonflikte fordern immer noch unzählige Tote – und in Jerusalem ist noch immer kein Frieden eingekehrt. Auch wenn Königreich der Himmel eine fiktive Geschichte vor historischem Hintergrund erzählt, seine Motivation ist ein zeitloser, aufrüttelnder Appell an des Menschen Verstand, sein Herz und seine Seele. Balian wird am Ende zurück nach Frankreich kehren, die Kreuzzüge gingen weiter. Hat er etwas verändert? Nicht auf Dauer. Aber er hat es versucht.

Fazit

Ein beeindruckender Eintrag in das oft staubig anmutende Historienkino aus Hollywood. Ridley Scott liefert mit "Königreich der Himmel" ein eindringliches, weltgewandtes Monumentalepos ab, dem es trotz aller Bildgewalt darauf ankommt, das Gewissen der Menschen zu erreichen, die für irgendeinen Gott in den Krieg zu ziehen und sich einreden, das Töten in dessen Namen wäre ihr religiöses Recht. "Königreich der Himmel" ist ein exzellent inszenierter und aufrüttelnder Appell an den menschlichen Verstand, das Herz und die Seele. Großes Kino, natürlich nur im Director's Cut, dann aber so richtig.

Autor: Pascal Reis

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