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Quelle: themoviedb.org

Inhalt

Gioia (V. Golino) lebt nach Jahren noch immer mit ihren unterdrückenden Eltern zusammen. Nie hat die Lehrerin für französische Literatur Zuneigung und Liebe kennenlernt, bis sie den 17-jährigen Schüler Alessio (S. Nanni) trifft, der in der Nacht seinen Körper verkauft, um Geld für sich und seine Mutter zu verdienen. Gioia und der Heranwachsende kommen sich fortwährend näher. Doch meint es Alessio ernst?

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Quelle: themoviedb.org

Kritik

True Crime fasziniert die Menschen und erlebt gerade mit Podcasts, Serien und Filmen einen enormen Boom. Das Interesse an wahren Kriminalfällen scheint größer denn je. Das Publikum hat offenbar Freude, selbst mitzurätseln und zum Ermittler zu werden, aber vielleicht ist es auch eine generelle Sensationslust, die die Faszination für reale Verbrechen entfacht, oder der beklemmende Gedanke, dass sich ein solcher Fall genauso in ihrer eigenen Nachbarschaft hätte abspielen können. Viele dieser True-Crime-Formate folgen einem bestimmten Muster. Entweder konzentrieren sie sich stark auf das Täterprofil und die Täterpersönlichkeit und versuchen, das vermeintliche „Monster“ hinter der Tat mit all seinen Abscheulichkeiten zu entschlüsseln, oder es steht die komplexe Ermittlungstätigkeit im Mittelpunkt, mal als akribische Polizeiarbeit, mal als Ausdruck staatlichen oder behördlichen Versagens. Doch oft werden dabei die Opfer vergessen. In vielen Formaten sind sie nicht mehr als eine bloße Randnotiz ohne eigenes Profil. Gerade in Filmen und Serien über Serienkiller oder über spektakuläre Verbrechen wirken sie oft austauschbar und ihre Geschichte bleibt unerzählt.

La Gioia geht hier einen anderen Weg. Der italienische Film von Nicolangelo Gelormini (Fortuna) beruht ebenfalls auf einer wahren Geschichte, wobei es für die Spannung besser ist, sich nicht vorab mit den wahren Hintergründen und der Grundlage des Films zu beschäftigen, sondern zunächst den Film auf sich wirken zu lassen. Die Faszination des Films besteht darin, gerade nicht immer zu wissen, in welche Richtung er sich entwickelt. Denn in diesem Film ist nicht alles schwarz und weiß. Es ist keine bloße Rekonstruktion der Ereignisse, sondern der Film ergründet vielmehr die Emotionen der Protagonisten. Opfer und Täter werden gleichermaßen in den Mittelpunkt gestellt und erhalten in der Handlung gleich viel Raum zur Entfaltung. Gioia (Valeria Golino, Hot Shots! - Die Mutter aller Filme) ist Lehrerin, Mitte 50 und lebt noch immer im Kinderzimmer ihres Elternhauses. In der Schule unterrichtet sie Französisch, zu Hause pflegt sie ihren Vater und steht unter dem Einfluss ihrer dominanten Mutter, die ihr diktiert, wie sie ihr Leben zu gestalten und zu leben hat. Männer kommen in diesem Leben nicht vor. Ausgehen oder Besuch empfangen ohne Zustimmung der Mutter sind nicht möglich.

Alessio (Saul Nanni, Unter der Sonne Ricciones) ist das absolute Gegenteil. Seine Mutter interessiert sich kaum für ihn, eigentlich nur dann, wenn er Geld nach Hause bringt. Dass ihr Bekannter ihn als Escort-Jungen an reiche, ältere Damen oder Männer mit schrägen Fantasien weiterreicht, scheint sie dagegen eher weniger zu interessieren. Zunächst wirkt Alessio so, als ob er mit diesem Leben vollkommen zufrieden ist. In der Schule gibt er den Frauenheld, die Schule selbst ist ihm offenbar egal, Verpflichtungen gehören nicht zu seinem Leben. Im Laufe des Films merkt man jedoch immer mehr, dass die Fassade Risse bekommt. Hinter der gespielten Coolness verbirgt sich ein junger Mann, der sich nach einem anderen, vielleicht sogar geordneten Leben und Stabilität sehnt. Alles ändert sich, als sich Gioia und Alessio über den Weg laufen. Obwohl zunächst die Situation eindeutig erscheint und Gioia das nächste Opfer in einer langen Reihe zu werden droht, entwickelt sich die Beziehung in eine andere Richtung. Der Film lässt eine echte Entwicklung in der Figur des Alessio erkennen.

Offenkundig scheint sein primäres Ziel zu sein, an das Geld der einsamen Frau zu kommen. Tatsächlich entwickelt sich zwischen den beiden langsam eine Freundschaft und selbst der Nachhilfeunterricht scheint Wirkung zu zeigen. Alessio beweist, dass vielleicht doch mehr Potenzial in ihm steckt. Je mehr der Film voranschreitet, desto weiter vertieft sich die Beziehung. Der Film lässt das Publikum lange im Unklaren, in welche Richtung sich die Liebesbeziehung entwickelt. Ist es hier nur die verbotene Liebe, die ein Problem darstellt, oder verfolgt Alessio wirklich andere Ziele? Meint er es ernst mit seiner Liebe zu Gioia? Immer wieder gibt es Anzeichen, die für das eine oder andere sprechen, doch man erkennt, dass es auch einen inneren Konflikt bei Alessio gibt. Er hegt Gefühle für Gioia und versucht, sich aus seinem alten Umfeld zu befreien. Alessio bleibt dennoch bis zum Schluss eine Figur voller Widersprüche. Genau daraus zieht der Film letztendlich seine Spannung, dich sich trotz eines eher gemächlichen Erzähltempos entfaltet.

Der Film geht einen ruhigen Weg ohne Hektik, nimmt sich Zeit, seine Figuren vorzustellen und deren Gefühlslage dem Zuschauer näherzubringen. Die Spannung entsteht nicht aus spektakulären Wendungen und wer die wahre Geschichte nicht kennt, kann sich durchaus mehrere Szenarien ausmalen, wie die Geschichte enden könnte. La Gioia ist mehr als nur eineTrue Crime Geschichte. Der Film ist eine Charakterstudie über zwei einsame Menschen, deren unterschiedliche Lebenswege sich kreuzen und die eigentlich gar nicht so verschieden sind. Der Film zeigt eindrucksvoll, dass sowohl Vernachlässigung als auch Überfürsorglichkeit der Eltern zum gleichen Ergebnis führen, nämlich in eine Art Isolation, die es erschwert eine gesunde Beziehung aufzubauen. Insbesondere Alessios Entwicklung spiegelt sich auch in der Inszenierung wider. Zu Beginn dominieren schnelle Schnitte, kurze Einstellungen und eine nervöse Kamera. Die Bildsprache wirkt rastlos und greift Alessios innere Unruhe auf. Je enger sich die Beziehung zwischen den beiden Figuren entwickelt, desto ruhiger wird der Film. Die Kamera verweilt länger auf Gesichtern, beobachtet statt zu kommentieren und lässt den Figuren Raum. La Gioia schwankt immer wieder zwischen Misstrauen und Hoffnung ohne voyeuristisch auf das Geschehen zu blicken. Die Geschichte wird mit einer gewissen Zurückhaltung erzählt und darin liegt die Stärke des Films.

Fazit

"La Gioia" ist kein klassischer True-Crime-Film, der auf Effekthascherei aus ist, sondern eine sensible Charakterstudie über zwei verlorene Seelen. Die Geschichte von Täter und Opfer wird gleichermaßen sorgfältig erzählt und wandelt nicht auf den bekannten Erzählmustern. Nicolangelo Gelormini verzichtet auf eine vorschnelle Einteilung in Gut und Böse und lässt seinen Figuren Raum zur Entfaltung. Trotz seiner ruhigen Erzählweise schafft es der Film auch dank der hervorragenden Kameraarbeit, Spannung zu erzeugen, was "La Gioia" zu einem sehenswerten europäischen True-Crime-Drama macht.

Kritik: Andy Mieland

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