MB-Kritik

La Perra 2026

Manuela Oyarzún
David Gaete
Selton Mello
Paula Luchsinger
Paula Dinamarca
Giannina Fruttero
Rafaella Grimberg

Inhalt

Auf der Insel Santa María vor der Küste Chiles verdient die Mittvierzigerin Silvia ihren Lebensunterhalt mit der Algenernte. Als Silvia einen streunenden Welpen aufnimmt, entsteht eine tiefe Bindung zwischen den beiden.

Kritik

Eine provokante Doppeldeutigkeit, die sich vor dem narrativen Hintergrund Dominga Sotomayors vielschichtiger Beziehungsstudie noch erweitert, macht den Titel der freien Adaption Pilar Quintanas gleichnamigen Romans von 2017 zu einem weiteren deren diffiziler Symbole. Visuelle und verbale Sinnbilder bevölkern im doppelten Sinn die raue Inselkulisse Santa Marías vor der chilenischen Küste. An diesem mythisch anmutenden Ort erwacht in der innigen Gemeinschaft der verschlossenen Silvia (eine exzellente Manuela Oyarzún) mit unerfüllten Sehnsüchten ein verdrängtes Trauma. Schmerzliche Erinnerungen sehen in Autarkie als Verrat. 

Schon vor der eruptiven Konfrontation der zentralen Figuren, einer menschlichen und einer animalischen, wartet die Vergangenheit auf ihr Erwachen an dem malerischen Naturschauplatz. Dort führt die unabhängige Silvia als Algen-Sammlerin im Rhythmus der Gezeiten eine einfache Existenz. Ihre einzige engere Beziehung ist zu ihrem Kollegen Mario (David Gaete). Beider äußerlich zufriedene Routine ändert Silvias intuitive Adoption eines Hundewelpen. Hündin Yuri wird zu ihrer festen Verbündeten und Subjekt einer fast mütterlichen Fürsorge. Silvias im Roman definierender unerfüllter Kinderwunsch ist nur noch Nebensache. 

Ihre Schuldgefühle und Außenseiterrolle wurzeln in einem tragischen Kindheitsereignis, das Yuris plötzliches Verschwinden wieder unheilvoll präsent macht. Ein modernistisches Ferienhaus, das Silvia stets für die Rückkehr dessen wohlhabender Eigentümer herrichtet, ist stummes Monument einer Vergangenheit, an der sie zwanghaft festhält. Yuris Mutter wird von Fischern aus dem Meer gerettet, wo sie unerklärlich schwimmt. Dieses ominöse Detail verweist auf ihre allegorische Reinkarnation eines anderen am Meer Vermissten. Sozialrealismus und Mystik verschmelzen zu einer stimmungsvollen Fabel über die diffizile Beziehungsbalance von Mensch und Natur.

Fazit

Durch Neugewichtung und thematischer Erweiterung Pilar Quintanas Buchvorlage entwirft Dominga Sotomayor zu deren patriarchalischen Narrativen ein feministisches Gegenbild. Minimale Dialoge verstärken die Wirkung der herben Landschaftsbilder und Manuela Oyarzúns eindringlicher Darstellung. Die Ungebundenheit ihrer Protagonistin personifiziert eine nur scheinbar domestizierte Natur, deren Instinkte ebenso in Yuri erwachen. Ihre Welpen erinnern Silvia an ihren Mutterwunsch, doch mehr noch die Wassergewalt, die in ihre Kindheit einbrach. Fließende Übergänge der Zeitebenen und reduzierte Exposition erlauben ein organisches Erschließen der allegorischen Reflexion über die zwiespältige Macht der Natur.

Autor: Lida Bach
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