Inhalt
Schlafsack auf dem Boden vor dem Fitnessstudio-Kästchen, Coaching-Seminar und morgendliches Shift-Briefing (mit Verkaufslächeln-Übung): knallharte Situationen, in denen sich Brigitte (Johanna Wokalek) wiederfindet. Sie ist die Protagonistin dieser Elfriede-Jelinek-Adaption, für die Debütantin Koxi Inventur mit dem einstigen Erfolgs-Roman der späteren Nobelpreisträgerin macht, indem sie ihn aus den 1970er Jahren in den heutigen Spätkapitalismus katapultiert. Der weibliche Marktwert heute? Beim Scrollen stößt Brigitte, Messe-Hostess im mittleren Alter, auf die Schülerin Paula (Hannah Schiller), die alles tut, um Internet-Fame zu erlangen.
Kritik
Exaltiert, doch energisch und mit konsequenter Haltung zum eigenen Stil wagt sich Caroline Kox alias Koxi in ihrem sarkastischen Spielfilm-Debüt an eine zeitgenössische Interpretation Elfriede Jelineks (Die Blutgräfin) gleichnamigen Roman. Halb desillusionierter Diskurs über die Grenzen weiblicher Selbstverwirklichung in einem spätkapitalistischen Patriarchat, halb Social Media Satire, erkundet der bissige Beitrag zum Forum der 76. Berlinale die dezenteren Formen ökonomischer Ausbeutung im Mittelstandsmilieu. Ein kantiger Beitrag zur verzweigten Debatte über sozial und medial verzerrte Selbstbilder mit formaler Affinität zur postfeministischen Parodie.
In der digitalen Ära medialer Selbstbespiegelung und Selbstvermarktung im übertragenen und wörtlichen Sinn wirkt die Prämisse Jelineks Buchvorlage fast noch passender als in deren eigener Zeit. Im konsumeristischen Großstadtkosmos sind die mittelalte Hostess Brigitte (Johanna Wokalek, Run Me Wild) und die Schülerin Paula (Hannah Schiller, Gestern waren wir noch Kinder) zwei Gegenpole, die sich seltsam anziehen. Brigitte kämpft sich mit dem obligatorischen Lächeln und knappen Kostümen durch Messen, auf denen sie desinteressierten Gästen luxuriös ausgestattete Bunker für den apokalyptischen Ernstfall zu verkaufen versucht.
Ihre Wohnung muss sie aus Geldnot untervermieten und nächtigt im 24h-Fitness-Studio. Sinnlose Seminare und allmorgendlicher Arbeitsappelle zermürben sie wie die abendlichen Besuche bei Heinz (Ben Münchow, Das Märchen vom Schwanensee), einem millionenschweren Man Baby, an dessen anstehendem Erbe sie teilzuhaben hofft. Bei der Prokrastination am Handy landet sie bei den Videos der ehrgeizigen Paula, die als Cam-Girl unbedingt berühmt werden will. Kapitalistische Konditionen werden vorgeführt, doch ihre Mechanismen nicht durchleuchtet. Patentes Schauspiel überwindet nie die emotionale Distanz zu den Figuren.
Fazit
Fluchtgedanken und Existenzkampf einen die auf den ersten Blick gegensätzlichen Protagonistinnen Koxis zeitgenössischer Roman-Interpretation. Deren spöttischer Ton zeigt de facto Wohnungslosigkeit und ökonomisches Ringen jedoch als aberwitziges Abstraktum. Gestus, Stil und Verhalten markieren die vorgeblich prekär lebenden Charaktere klar als Mittelschicht. Dieser Widerspruch zwischen sozialem Status und finanzieller Miere bleibt unaufgelöst. Collagenhafte Struktur, inszenatorische Ironie und skurrile Settings schaffen einige pointierte Vignetten, doch wenig psychologisches Profil. Die konservative Kritik an Semi-Sexdienstleistungen konterkariert den feministischen Ansatz des überzeichneten Debüt-Dramas.
Autor: Lida Bach