MB-Kritik

Newport & the Great Folk Dream 2025

Johnny Cash
Bob Dylan
Joan Baez
Pete Seeger
Mississippi John Hurt
John Lee Hooker
Mimi Fariña
Richard Farina
Bill Monroe
Judy Collins
Howlin' Wolf

Inhalt

Aufruf an alle Fans von „A Complete Unknown“! Begleiten Sie uns auf eine kaleidoskopische Reise durch das Newport Folk Festival der Jahre 1963–66, deren Höhepunkt Bob Dylans bahnbrechender elektrischer Auftritt ist.

Kritik

Wenn man während eines Films aufstehen und sich davon machen möchte, ist das selten ein gutes Zeichen. Die Ausnahme davon ist s (Johnny Cash) musisches Monument, das nach seinem Debüt letztes Jahr in Venedig auf seiner Film-Festival-Tour bei Visions du Réel landet. Restaurierte 16mm Schwarz-Weiß-Aufnahmen transportieren Geist und Klang des legendären Musik-Events so mitreißend, dass man selbst auf den Weg nach Newport gehen möchte. In knapp 100 Minuten kondensiert der US-amerikanische Regisseur die kreative Essenz von über 100 Stunden bisher ungesehen Filmmaterials.

Jene umspannen die formativen Anfangsjahre, in denen der Einfluss von Newport weit über die Reichweite dessen Bühnen hinausging. Das 1959 von George Wein als Pendant zum Newport Jazz Festival gegründete Event entsandt in einer Ära historischen politischen und gesellschaftlichen Umbruchs, die eine einzigartige Synergie erzeugten. Aus der Beat Generation sproß die idealistisch Flower Power Generation, die Bürgerrechtsbewegung kulminierte 1963 im March to Washington und 1964 unterzeichnete y Don B. Johnson den Civil Rights Act, der Diskriminierung aufgrund von Race, Hautfarbe, Religion Geschlecht und Herkunft verbietet. 

Eingeblendete Jahreszahlen zur Abgrenzung der strukturell aneinander anknüpfenden Festival-Ausgaben sind eine der wenigen Ergänzungen des abgesehen von der qualitativen Aufarbeitung nahezu unveränderten Original-Materials. Laura Jean Hockings dynamische Montage erfasst die politische Spannung und kulturelle Sprengkraft des friedlichen Großereignisses, das in Form und Ausführung eines der ersten modernen Musik-Festivals wurde. Clarence Ashley & Doc Watson, Joan Baetz,  , ein junger Bob Dylan, dessen elektrische Performance die damalige Szene herausforderte, Howlin’ Wolf, Peter, Paul & Mary und John Lee Hooker sind nur einige der bekanntesten Künstler*innen. 

Deren Songs werden teils in voller Länge ausgespielt. Im Wechsel gibt es zeitpolitische, soziologische und organisatorische Einblicke durch Gespräche mit Musiker*innen, den Zuschauenden, die nicht wie damals üblich auf Stühlen saßen, sowie Produzenten. Unter letzten ist auch Newport-Mitbegründer Pete Seeger, der 1963 durchsetzte, dass alle Musikschaffenden das gleiche 50 Dollar Honorar erhielten. Die darin anklingende Zwiespalt zwischen Kommerz und Utopie ist bleibt ebenso überlagert vom musikalischen Mythos wie künstlerische Differenzen, Polizeipräsenz und Konflikte zwischen Tradition und Innovation. The Great Folk Dream ist dies auch ideell.

Fazit

Der Traum einer besseren Welt, der in Robert Gordons vibrierender Doku in grandiosen Songs anklingt, endete mit der Ära. Anders das bis heute fortbestehende Folk Festival, das die sozialen und politischen Ideale seiner Anfangszeit auf der Leinwand gleichsam reflektiert und bündelt. In diesem gleichberechtigten Geist ist Bob Dylans Auftritt nur einer der zahlreichen Höhepunkte der charismatischen Chronik, deren 4K Brillanz die körnige Haptik des von Murray Lerner gefilmten Stoffs. Darin klingt die Frage nach der politischen Positionierung der inhärent systemkritischen Stilrichtung indes nur leise an. 

Autor: Lida Bach
Diese Seite verwendet Cookies. Akzeptieren.