MB-Kritik

No Good Men 2026

Comedy, Romance

Ghawgha Taban
Mohammed Anwar Hashimi

Inhalt

Afghanistan im Jahr 2021, kurz vor der Rückkehr der Taliban: Naru, die einzige Kamerafrau beim wichtigsten Fernsehsender Kabuls, kämpft um das Sorgerecht für ihren dreijährigen Sohn. Nach der Trennung von ihrem untreuen Ehemann ist in ihr die Überzeugung gereift, dass es in ihrem Land keine guten Männer gibt. Umso überraschter ist sie, als Qodrat, der wichtigste Journalist von Kabul TV, ihr eine berufliche Chance bietet. 

Kritik

Das bittere Fazit, dass die Geschichte sich unerbittlich wiederholt, ist eine der harschen realistischen Einsichten, von denen Shahrbanoo Sadats (Kabul Kinderheimepisodisches Beziehungsdrama leichthändig zu Humor und Romantik wechselt so unbeständig wie der Alltag in Kabul. Dort verortet die afghanische Regisseurin auch ihren dritten Spielfilm, der auf den gleichen historische Wendepunkt zuläuft wie The Orphanage. Der Einmarsch der Taliban in der afghanischen Hauptstadt überschattet erneut das trügerisch triviale Szenario. Das webt authentische Alltagsausschnitte und satirische Systemkritik in eine kantige Love Story, umkreist von der Frage nach dem Unterschied zwischen Ideal und Illusion.

Mit beiden hat Naru (verkörpert von Regisseurin Sadat selbst) eigentlich abgeschlossen - jedenfalls, was potenzielle Partner angeht. Nach der Trennung von ihrem untreuen und verantwortungsscheuen Ehemann (Masihullah Tajzai), mit dem sie auf dem Papier immer noch verheiratet ist, glaubt die junge Kamerafrau bei einem lokalen Fernsehsender nicht mehr an „gute“ Männer in Afghanistan. Natürlich begegnet die Mutter eines dreijährigen Jungen bei der Arbeit prompt dem einen, der ihre Überzeugung in Wanken bringt. Der renommierte Reporter Qodrat (Anwar Hashimi) scheint anders. Aber ist er das wirklich?

Die Prämisse klingt nach klassischem RomCom-Material, dessen Stilismen und Narrative der Plot wissend zitiert. Wie schon in Sadats letztem Film ist die Grenze von Hommage, Persiflage und Ernst unscharf. Diese atmosphärische Ambivalenz unterläuft oberflächliche Unterhaltung ebenso wie der abrupte Wechsel zwischen inszenierten Szenen und dokumentarischem Archivmaterial. Hektik und Unsicherheit der Stadt, in der Bomben-Anschläge und Geiselnahmen das Leben nicht aufhalten können, vermitteln unstete Handkamera-Ausschnitte. Deren ungeschliffene Optik fügt sich erstaunlich gut in den Low-Budget-Look einer TV-Produktion. An eine solcher erinnern auch melodramatische Einschübe von Eifersüchtelei und Eigensinn.

Bezeichnenderweise funktionieren Qodrat und Naru besser als Team, statt als Liebespaar, sowohl auf dramatischer als auch dramaturgischer Ebene. Was die ehrgeizige Protagonistin zu ihrem fast doppelt so alten Kollegen zieht, außer seiner respektvollen Art, bleibt unklar. Trotz der spürbaren kameradschaftlichen Dynamik zwischen Sadat und Hashimi, der wie der Großteil des Casts zu Sadats Stammdarstellenden zählt, ist von amouröser Chemie wenig zu spüren. Interessanter als das Auf und Ab beider keimender Liaison sind die improvisierten Gespräche unter Frauen und echten Interview-Zitate zu Liebe, Partnerschaft und Respekt in fundamentalistischen Strukturen.

Fazit

In ihrer dritten Kinoarbeit profiliert Shahrbanoo Sadat ihre eigenwillige filmische Handschrift. Realität und Fiktion, Klischee und Differenzierung, Schauspiel und Improvisation gehen fließend ineinander über. Die äußere Leichtigkeit des Szenarios weicht gezielter Verunsicherung, wenn misogyner Sadismus, partnerschaftliche Gewalt und institutionelle Erpressung geradezu selbstverständlich die Abgründe hinter der süßlichen Aussage enthüllen. Die Titelfrage geht tiefer als Beziehungsbanalitäten in ihrem Ergründen ethischer Integrität auf der Machtseite eines repressiven Systems. Ein formal unebener und schauspielerisch wechselhafter Eröffnungsfilm der 76. Berlinale, doch gerade durch seine inneren Widersprüche spannender als glattgebügelte Komödien-Konvention. 

Autor: Lida Bach
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