MB-Kritik

Notes Unheard 2026

Inhalt

Gu Juns Dokumentarfuilm begleitet über mehrere Jahre hinweg die schwierige Beziehung zwischen einem hochbegabten Musikstudenten und seinem ehrgeizigen Vater.  

Kritik

„Don‘t worry, dad!“ Immer wieder begegnet der junge Protagonist Gu Juns intimer Doku den Vorhaltungen seines ambitionierten Vaters mit diesem Satz. Selbiger liefert denn auch den Originaltitel des dynamischen Doppelporträts zweier markanter Persönlichkeiten, die auf unterschiedliche Art mit den gleichen Beeinträchtigungen umgehen. Mit 22 Jahren ist Wang Zi’an brillanter Pianist mit Aussicht auf internationale Top-Musikhochschulen. Seine in frühster Kindheit erlangte Seheinschränkung meistert er bemerkenswert. Ganz anders verhält es sich bei seinem Vater, der ist es emotionale Blindheit. 

Jene Unfähigkeit, Gefühle auszudrücken, sei es in Worten oder Handlungen, prägt beider belastete Beziehung, um die Juns Handkamera visuell und thematisch kreist. Permanent kritisiert er seinen erwachsenen Sohn in einer Art, die ein lebenslanges Muster erkennen lässt. Nichts, was Zi‘an erreicht, ist gut genug. Jeder Erfolg lässt sich noch überbieten, jede noch so kleine Misserfolg wird als existenzielles Versagen lamentiert. Trotz seiner Fixierung auf den Sohn, sieht Wangs Vater nicht ihn, sondern eine Personifikation professionellen Potenzials.   

Wangs musikalische Hochbegabung scheint für seinen Vater eine Kompensation der als Makel empfundenen körperlichen Kondition. Lobende Worte oder liebevolle Gesten bleiben aus. Trotz dieses funktionalistischen Familienklimas hat Zi’an es irgendwie geschafft, zum warmherzigen, aufgeschlossenen Menschen heranzuwachsen. Seine Aufmerksamkeit und Freundschaft gegenüber Mitmenschen ist herzerwärmend, aber auch Ausdruck nach der tiefverankerten Sehnsucht nach Zuneigung und menschlicher Wertschätzung, der ihm daheim fehlen. Aufzuhören, nach einer unerreichbaren Akzeptanz zu streben, ist am Ende für den jungen Musiker die größere Leistung. 

Fazit

Beiläufige Momente wie ein vergebens klingelndes Telefon oder eine versteckte Träne tragen die familiäre Dynamik Gu Juns nuancierten Vater-Sohn-Portäts. In einem prägnanten Wechsel von staatlichen zu individuellen Themen begleitet der chinesische Regisseur über vier Jahre lang den hochbegabten Hauptcharakter in einer formativen Entscheidungsphase. Die dabei entstehenden Auseinandersetzungen um das bedeutsame Kernthema autoritärer Kontrolle verraten dezente politische Analogien. Jene übergeht die konformistische Inszenierung indes ebenso wie die tieferliegenden Konflikte des allzu glatten Szenarios. Falscher Takt kann auch dramatische Dissonanzen schaffen. 

Autor: Lida Bach
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