Zehn Jahre nach seinem Tod enthüllt der Filmemacher William Greaves sein letztes Werk: Aufnahmen eines Treffens, das er 1972 mit Legenden der Harlem Renaissance arrangiert hatte und das er selbst als seine bedeutendste Aufnahme betrachtete.
Kritik
Fast ein halbes Jahrhundert wartete William Greaves dokumentarisches Denkmal afroamerikanischer Kulturgeschichte auf seine Vollendung, bevor es im Doku-Wettbewerb des 42. Sundance Film Festivals nun seine Premiere feierte. Filmischer Essay, historische Chronik und persönliche Porträts verschmelzen zu einem cineastischen Dokument, das Essenz und Einfluss einer künstlerisch und kulturell seismischen Epoche unmittelbar erfahrbar macht. Basierende auf einem überwältigenden Fundus restaurierten 16mm-Films erwecken der Regisseur sowie sein Sohn und Co-Regisseur David Greaves einen Schlüsselmoment Harlem Renaissance in schillernder Intensität zum Leben.
Die über 20.000 Meter Film entstanden im Sommer 1972, als Greaves Sr. In Duke Ellingtons Anwesen eine Zusammenkunft der noch lebenden Protagonist*innen der Harlem Renaissance festhielt. David war damals als Kameramann mit dabei und präsentiert zwölf Jahre nach dem Tod seines Vaters dessen lange schlummerndes Werk in vollendeter Form. Schriftsteller*innen, Musiker*innen, Maler*innen, Journalist*innen und Aktivist*innen treffen in einem zwanglosen Rahmen aufeinander, diskutieren Politik, Kunst und Gesellschaft. Ein vibrierender Austausch intellektueller und zeitpolitischer Größen.
Farbsatte Bilder ziehen das Publikum mitten in dieses vielstimmige und vielseitige Panorama kultureller Synergie. Konstruktive Debatten und politische Reflexion verdeutlichen die soziologischen Themen, systemischen Konflikte und bürgerrechtlichen Ziele der Ära. Jener zeitpolitische Hintergrund ermöglicht einen Diskurs über Identität und gesellschaftliche Dynamiken frei von nostalgischer Naivität. Ohne Off-Kommentar oder lineare Struktur orientiert sich die Kamera ganz im Sog des Moments, als aktiver Beobachter und Zuhörer der fesselnden Gespräche. Diskussionen über Funktion und Position der Kunst in der Gesellschaft, Repräsentation und Gleichberechtigung schlagen eine Brücke zu drängenden Themen der Gegenwart.
Fazit
Die Fragen nach Authentizität, Selbstausdruck und den Konflikt zwischen Assimilationsdruck und individueller Integrität in William und David Greaves formativen Dokumentarfilm verankern gegenwärtige soziologische Debatten in einem historischen Rahmen. Jene ideellen und thematischen Anknüpfungspunkte zeigen die Harlem Renaissance als kontinuierlichen Prozess, der im Hier und Heute weiter wirkt. Die taktile Qualität des restaurierten Bildmaterials verstärkt die Plastizität und Präsenz der Aufnahmen, die losgelöst von historiographischen Narrativen kulturelle Erinnerungen bewahren. Im Spannungsfeld von Vergangenheit und Gegenwart eröffnet sich ein essenzielles Exposé kulturgeschichtlichen Kollektivismus, zeitlos und zeitbewusst.
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