„Wir sind nur die traurigen Versionen unserer selbst.“
In einer der besten Szenen dieser ohnehin von großartigen Szenen durchwanderten Films, sehen wir Howie (Aaron Eckhart, Thank You For Smoking) und Gaby (Sandra Oh, Die Stadt der Blinden), wie sie sich inmitten einer vollbesetzten Selbsthilfegruppe einem hinreißenden Lachanfall hingeben, während ein Vater über den Tod seiner Tochter spricht. Es ist eine der besten Szenen des Films, weil hier besonders deutlich gemacht wird, dass der Umgang mit Trauer immer von individueller Natur ist, immer alternativ, immer subjektiv. Auch Howie hat mit Verlustgefühlen zu kämpfen: Sein vierjähriger Sohn ist überfahren worden. Seitdem liegt die Kommunikation zwischen ihm und seiner Frau Becca (Nicole Kidman, Margot und die Hochzeit) beinahe vollkommen brach. Man spricht aneinander vorbei, weil man nicht weiß, wie man miteinander sprechen soll.
Obwohl Becca und Howie das gleiche Leid teilen, stehen ihre Wege, mit diesem Leid umzugehen, doch diametral zueinander. Becca scheint sich einer Verdrängungs- und Eigenschutzmethode hinzugeben: Sie versucht, alles, was sie an ihren Sohn erinnert, aus ihrem direkten Umfeld zu verbannen. Die alten Klamotten müssen weg, Handyvideos werden „versehentlich“ gelöscht und, ach, am besten sollte das ganze Haus verkauft werden. Howie bunkert all die Erinnerungsstücke. Schart sie um sich, braucht sie greifbar, jederzeit auf- und abrufbar. Und beide regieren sie gleichermaßen emotional-heftig, wenn sie von ihren Wegen der Trauern abgebracht werden. Und John Cameron Mitchell (Shortbus) lässt den Charakteren die Freiheit, sich in ihrer Lebensrealität auszubreiten. Das feinnervige Drehbuch, verfasst von David Lindsay-Abaire, dokumentiert die Figuren umsicht, es nötigt sie nicht zu Handlungen und Motivationen.
Jeder Mensch braucht ein individuelles Terrain, um sich mit seiner Trauer auseinanderzusetzen. Jeder Mensch muss in den Abgrund seiner Schmerzen geblickt haben, um sie zu verstehen, sie zu akzeptieren, sie hinzunehmen, sie zu verarbeiten. Wo sich andere Schicksals- respektive Verlustdramen daran abarbeiten würden, die Qualen ihrer Charaktere auszuschlachten, dort glaubt Rabbit Hole immer noch an die Hoffnung. Ohne Frage, es ist ungemein bedrückend mitanzusehen, wie sich all das innerseelische Elend an die Oberfläche trägt und wie ein Gewitterfront über den Protagonisten zusammenbraut (und damit ist nicht nur der Tod des Kindes gemeint). Rabbit Hole jedoch ist keine tonnenschwere Tragödie, die sich in den zwischenmenschlichen Dilemmata verliert. Cameron Mitchell gibt sich zuversichtig. Und Nicole Kidman wie der nie besser gewesene Aaron Eckhart meistern diese Zuversicht in ungemein sublimer Fasson.
Es wirkt nie aufgesetzt, wenn sich Kidman und Eckhart nach lauthals (!) ausgetragenen Disputen langsam wieder annähern. Wenn sie sich (manchmal auch unwissentlich) gegenseitig Trost spenden, sich eine Hand reichen, sich Freiräume erlauben, obwohl sie selber noch nach einer Antwort auf die Frage suchen, wie man denn Trost finden kann, wenn der Tod des eigenen Kindes wie ein schwarzer Schatten auf der eigenen Seele lastet. Im Kaninchenbau des emotionalen Zerwürfnis, bleibt Rabbit Hole am Ende doch ein Film über den Kampf, sich irgendwie wieder zusammenzuraufen. Darüber, weiterzumachen, weil es weitergehen muss, anstatt darüber, zu zerbrechen, aufzugeben, zu verblassen. Und das ist – dank formidabler Schauspielleistungen – sensibel, vieldimensional, lebensnah und von einem ausgeprägten Verständnis menschlichen Gefühlsregungen gegenüber beseelt.