MB-Kritik

If I Were Alive 2026

Drama

Norberto Novais Oliveira
Conceição Evaristo
Jean Paulo Campos
Tainá Evaristo

Inhalt

Brasilien in den 1970er-Jahren. Contagem ist noch eine wachsende Stadt und die Heimat eines jungen verliebten Paares. Gilberto bittet Jacira um Verzeihung, kurz bevor eine unerwartete Begegnung ihre Lebenswege für immer verändert. Fünfzig Jahre später sind die beiden immer noch zusammen. Sie sind jetzt ein charismatisches, liebevolles Paar Mitte 70. Trotz der gesundheitlichen Probleme, die ihr fortgeschrittenes Alter mit sich bringt, führen sie ein glückliches Leben und verrichten alle Alltagsaktivitäten gemeinsam. 

Kritik

Die Beständigkeit einer großen Liebe steht gegen die Vergänglichkeit von Körper und Geist in André Novais Oliveiras (O Dia que te Conheci) retrospektiver Romanze. Deren zentrale Beziehung zwischen zwei Menschen aus Brasiliens Mittelschicht, die ihre unspektakuläre Existenz zu unwahrscheinlichen Protagonisten solch einer epischen Hommage macht, erstreckt sich über ein halbes Jahrhundert, von den 70ern bis in die Gegenwart. Erinnerung, Fürsorge und ein Hauch magischer Realismus verschmelzen zu einer melancholischen Meditation über Alter, Zeit und die formale Flexibilität des Kinos. 

Die scheinbar schlichte Liebesgeschichte zwischen dem aspirierenden Musiker Gilberto (Jean Paulo Campos) und Jacira (Tainá Evaristo) beginnt in den 70ern in dem industriellen Zentrum Contagem. Gilberto umwirbt seine Angebetete mit einem Ständchen vor deren Fenster und gewinnt damit offenbar ihr Herz, obwohl die Episode mit einem verunsichernden Element endet. Von dort unternimmt der editorische Plot einen Zeitsprung. Jahrzehnte später sind beide unverändert glücklich verheiratet und einander zugetan, doch Jaciras körperlicher Abbau besorgt ihren Gatten, dessen Gedächtnis immer mehr nachlässt. 

Die frühe Sequenz voll rhythmischer Leichtigkeit und jugendlichem Überschwang ist ein Musterbeispiel für Novais Oliveiras Gespür für die verborgene Poesie kleiner Lebensmomente. Romantik und komödiantischer Pathos offenbaren tiefliegende  menschliche Sehnsüchte, a die das unsentimentale Porträt gealterter Gebrechlichkeit anknüpft. Chronologie und Raum verschwimmen, während die empathische Erzählung ins Fantastische und Surreale driftet. So erfrischend diese narrative Offenheit für eine Welt jenseits von greifbarere Realität und faktischer Vergangenheit ist, so diffus ist der frei assoziative Gefühlsfluss bisweilen. 

Fazit

 Musikalische Memoire und zärtliches Zeitpanorama verweben sich zu einer metaphysischen Meditation, deren dramaturgische Elastizität zugleich reizvoll ist und inhaltlich mitunter schwer greifbar. Die innere Welt der Figuren, die besonders berührend im Alter von Regisseur Norberto Novais Oliveira und Conceição Evaristo verkörpert werden, wiegt in der mäandernden Handlung schwerer als objektive Wirklichkeiten. Die markante Mischung aus nüchternen sozialen Beobachtungen und mystischen Momenten spiegelt sich auf visueller Ebene in farbintensiven Vergangenheitsszenen gegenüber blassen, optisch ruhigeren Gegenwartsbildern. Emotionale und ethische Substanz überdauert die lose Struktur Des bittersüßen Berlinale-Beitrags. 

Autor: Lida Bach
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