Found-Footage-Horror ist längst nicht mehr das große Ding, das er einst war. Zwar erscheinen weiterhin zahlreiche Vertreter des Genres, doch die meisten davon landen direkt im Heimkino oder auf Streamingplattformen. Auf Festivals lassen sich gelegentlich noch spannende Entdeckungen machen, und auch Strange Harvest von Stuart Ortiz hat seit seiner Veröffentlichung in den USA für Aufmerksamkeit gesorgt. Der Regisseur, der 2011 mit Grave Encounters einen Geheimtipp des Genres ablieferte, bringt seinen neuesten Film nun endlich auch in die deutschen Kinos. Dabei verfolgt er einen interessanten Ansatz: Statt auf eine klassische Horrorgeschichte setzt Ortiz auf die Nachahmung einer True-Crime-Dokumentation. Das funktioniert zunächst erstaunlich gut, verliert mit zunehmender Laufzeit jedoch an Wirkung.
True Crime trifft auf Serienkiller-Horror: Der clevere Ansatz von "Strange Harvest"
Im Mittelpunkt steht der Serienkiller Mr. Shiny, dessen Verbrechen im Stil einer aufwendig produzierten True-Crime-Dokumentation aufgearbeitet werden. Interviews, Archivmaterial und Überwachungsaufnahmen fügen sich zu einem Gesamtbild zusammen, das ebenso gut aus dem Programm eines großen Streamingdienstes stammen könnte. Gerade diese authentische Aufmachung ist die größte Stärke von Strange Harvest. Ortiz versteht es, die vertraute Ästhetik solcher Formate aufzugreifen und für seinen Horrorfilm nutzbar zu machen. Statt das Publikum unmittelbar ins Geschehen zu werfen, lässt er die Ereignisse durch Aussagen und dokumentarische Fragmente allmählich Gestalt annehmen.
Das sorgt für eine angenehm unangenehme Atmosphäre, die weniger von klassischen Schockmomenten als von der vermeintlichen Nähe zu realen Verbrechen lebt. Der Film weiß, wie True-Crime-Produktionen Spannung erzeugen, Verdachtsmomente aufbauen und ihre Geschichte mit gezielt platzierten Informationen und musikalischen Konditionierungen anreichern. Wer sich regelmäßig solche Dokumentationen ansieht, dürfte einige vertraute Erzählmuster wiedererkennen. Hier werden sie allerdings nicht bloß kopiert, sondern zunächst durchaus wirkungsvoll für einen fiktionalen Horrorfilm eingesetzt.
Mehr Schauwerte, weniger Spannung: "Strange Harvest" verliert sich selbst
Doch irgendwann scheint Ortiz der eigenen Inszenierung nicht mehr ganz zu vertrauen. Immer wieder unterbrechen brutale Überwachungsaufnahmen die dokumentarische Aufarbeitung, um das Publikum mit den Taten des Killers zu konfrontieren. Diese Szenen sind durchaus unangenehm, wirken in ihrer Darstellung aber nicht immer überzeugend. Vor allem lenken sie den Blick zunehmend auf das Spektakel, obwohl die besondere Qualität des Films gerade in seiner zurückhaltenden Präsentation liegt. Die Gewalt, bzw. die Schaubilder ihrer Auswirkung, wird damit weniger zu einer sinnvollen Erweiterung der Geschichte als zu einem zusätzlichen Reiz, der die Aufmerksamkeit wachhalten soll.
Hinzu kommt, dass hinter der ungewöhnlichen Erzählform keine besonders originelle Thrillerhandlung steckt. Würde man die Mockumentary-Elemente entfernen und die Ermittlungen als klassischen Spielfilm erzählen, kämen manche konstruierten Zusammenhänge vermutlich deutlicher zum Vorschein. In der gewählten Form fallen solche Schwächen allerdings weniger stark ins Gewicht. Die Interviews und dokumentarischen Fundstücke verleihen dem Geschehen eine gewisse Glaubwürdigkeit, die eine konventionelle Inszenierung erst einmal herstellen müsste.
Ganz abschreiben sollte man Strange Harvest deshalb nicht. Die konsequente Nachahmung einer True-Crime-Produktion ist gelungen genug, um Genrefans über weite Strecken bei der Stange zu halten. Auch die unangenehmen Einblicke in die Verbrechen von Mr. Shiny bleiben im Gedächtnis, selbst wenn ihre Wirkung mit der Zeit nachlässt. Wer mit Found-Footage-Horror und Mockumentarys etwas anfangen kann, dürfte hier durchaus auf seine Kosten kommen. Aus einer vielversprechenden Idee macht Ortiz einen zeitweise wirkungsvollen, letztlich aber zu repetitiven Horrorfilm, der sich mit zunehmender Laufzeit selbst im Weg steht.