Antonio hat sich in Mailand ein erfolgreiches Leben aufgebaut – weit weg von seiner übergriffigen Mutter Angela. Als sie zu Weihnachten anreist, verwandelt sich das Abendessen in ein emotionales Schlachtfeld, auf dem alte Missverständnisse ans Licht kommen und ihre Beziehung eine Wandlung erfährt.
Kritik
Eine skurrile Schlüsselrolle in Edoardo De Angelis’ (Comandante) verkorkstem Familiendrama spielt ein Kapaun. Für alle, die in archaischen Küchentraditionen weniger firm sind als die psychopathologische Protagonistin, Vanessa Scaleras (Diamanti) neapolitanische Familienmutter Angela: Ein Kapaun ist ein in jungen Jahren kastrierter Hahn, der extra gemästet wurde, um als Mahlzeit zu dienen. Das Federtier, das Angela zu einem hysterischen Heiligabend-Besuch mitbringt, fungiert als groteske Metapher ihres Verhältnisses zu ihrem erwachsenen Sohn Antonio (Lino Musella, Portobello) Der hat sich mit einem Umzug vom heimatlichen Neapel nach Mailand vermeintlich erfolgreich abgenabelt.
Doch jede emotionale Abgrenzung gegenüber der monströsen Mutterfigur, deren Quintessenz Angela scheint, entpuppt sich als pathetische Selbsttäuschung in Laufe des handlungsrahmenden Heiligabends. Das symbollastige Datum akzentuiert den grellen Kontrast zwischen der ketterauchenden, dauerfluchenden, trinkenden Matriarchin zur Marienfigur, die mit dem italienischen Weihnachtsfest eng verbunden ist. Zum Fest der Familie und Versöhnung stochert die unerträgliche Über-Mama in alten Wunden ihrer der jüngeren Generation, zu der noch Antonios Frau Benedetta (Elena Radonicic, In My Room) und seine Schwester Paola (Ivana Lotito, Briganti: Das Gold des Südens) zählen.
Seiner männlichen Autorität sinnbildlich beraubt wie der Hahn, wird der selbstunsichere Sohn zur Hauptzielscheibe Angelas. Ihre ungenießbaren Kochversuche markieren metaphorisch ihren Mangel traditionell mütterlicher Eigenschaften. Provozieren und Dominieren scheint die Essenz ihres Lebens, das jeder noch so flüchtige Ansatz elterlicher Zuneigung ihr buchstäblich aussaugt. Das Fest der Versöhnung wird zur Arena alt-eingefleischter Aggressionen, die weder dramaturgische noch psychologische Entwicklung generieren. Die moralische Vorführung der von misogynen Klischees definierten Monster-Mama wirkt wie ein revisionistischer Racheakt Antonio Franchinis, dessen autobiografischer Roman „Il fuoco che ti porti dentro“) als Vorlage diente.
Fazit
Verdichtet auf einen Weihnachtsabend in Mailand, instrumentalisiert Edoardo De Angelis’ gehässige Groteske das grundlegende Szenario als patriarchalischen Pranger einer unangepassten Frauenfigur, deren Autarkie und Aversion gegen traditionelle Gender-Rollen sie zur aberwitzig abstoßenden Allegorie weiblichen Wahns und maliziöser Mütterlichkeit macht. Paradox passend zu den sexistischen Stereotypen, die das stagnierende Szenario bis zum Überdruss wiederholt, katalysiert das schauspielerische Chargieren den verkappten Voyeurismus der spekulativen Streit-Arie. Deren räumliche Enge, die Vladan Radovics klaustrophobische Kamera in dreckigen Farben erfasst, wird zur unbeabsichtigten Analogie der soziologischen und psychologischen Beschränkung der dumpfen Dämonisierung.
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