Inhalt
Die elfjährige Chaya lebt mit ihrer Familie in den Landes am Meer. Als ihnen die Ausweisung droht, fällt ihr älterer Bruder Nour in einen tiefen, rätselhaften Schlaf. Chaya unternimmt alles, um ihn zu wecken, und taucht sogar in seine Träume ein, um ihn zu finden.
Kritik
Zwangsräumung und der damit einhergehende Verlust des Zuhauses aus kindlicher Perspektive war bereits in Fanny Liatard und Jérémy Trouilhs viel beachtete Debüt-Spielfilm Gagarine ein Schlüsselthema. Auch der zweite Langfilm des französischen Regie-Duos begleitet zwei jugendliche Figuren in einem Zeitraum existenzieller Verunsicherung, doch diese ist diesmal Auslöser einer träumerischen Flucht fundamentalerer Natur. Der Schritt in eine phantastische Sphäre geteilter Träume fungiert als lyrisches Gleichnis eines bisher unerklärlichen realen Zustands auf der Grenze von Psychosomatik und Psychose: Resignation Syndrome.
Das seltene psychiatrische Leiden wurde erstmals in Schweden in den 90ern beschrieben und manifestiert sich primär unter traumatisierten Kindern mit Fluchterfahrungen, die sich in einem langwierigen, zermürbenden Einwanderungsprozess befinden. Als mutmaßliche Ursache der medizinisch bisher nicht anerkannten Krankheit gilt totale Hoffnungslosigkeit. Jene überkommt den jugendlichen Nour (Sayyid El Alami, Block Pass) als seine Familie aus ihrem idyllischen Heim im französischen Landes abgeschoben werden soll. Nour verfällt in ein funktionales Koma, aus dem ihn scheinbar nichts erwecken kann.
Entschlossen, ihren Bruder zurückzuholen, folgt ihm seine 11-jährige Schwester Chaya (Douae Butarbuch M’Zaouki) in seine Traumwelt. Die narrative Grundstruktur ist nahezu identisch mit der Alexandros Avranas 2024 in Venedig uraufgeführten Familiendramas Quiet Life. Einzig relevante Abweichung ist die Traumreise. Sie ersetzt Avranas kühlen Realismus mit elegischer Metaphorik und naturalistische Nüchternheit mit emotionaler Esoterik. Jene löst das exemplarische Narrativ visuell und dramaturgisch aus seinem bürokratischen und sozialstrukturellen Kontext zugunsten einer ebenso sentimentalen wie scheinheiligen Verklärung.
Fazit
Unter der optisch ansprechenden Hülle einer phantastischen Parabel liefern Fanny Liatard und Jérémy Trouilh eine zwiespältige Ästhetisierung einer alles andere als träumerischen Realität. Die sich zuspitzende Notlage der Familie im Zentrum des eklektischen Dramas wird romantisch verklärt, die Charaktere auf sentimentale Stereotypen reduziert. Das nuancierte Schauspiel der jungen Darstellenden verleiht den Hauptfiguren mehr Tiefgang als der unterentwickelte Plot. Dessen universelle Natur-Metaphern für das Unterbewusste, Verlorenheit und Ängste haben in ihrer entrückten Schönheit einen unangenehm manipulativen Beigeschmack.
Autor: Lida Bach