Im Jahr 2014 sollte sich das Leben zahlreicher Menschen für immer verändern, als die Terrormiliz "Islamischer Staat" in Syrien und im Irak einen Völkermord an der jesidischen Bevölkerung verübte. Familien wurden auf grausame Weise getrennt. Väter und ihre Söhne wurden getötet, ihre Frauen und Töchter verschleppt und versklavt. In seiner Doku To My Sisters verbindet Regisseur Faek Falak (Solange du mich hälst) die Schicksale von drei Frauen, die ihre persönlichen Geschichten erzählen und deren Leben durch diesen Genozid auf unterschiedliche Weise geprägt wurde.
Die 22-jährige Haval Berxwedan hat sich mit 18 Jahren im Norden Syriens der bewaffneten Einheit YPJ angeschlossen, um Frauen zu beschützen. Die unabhängige Frauenverteidungseinheit ist aus der YPG, der kurdischen Verteidungskraft zum Schutz der Bevölkerung, hervorgegangen. Viele Freundinnen von ihr sind als Märtyrerinnen gefallen und obwohl sie mit ihrer Truppe weiterhin mutig gegen den IS kämpft, spricht sie auch offen über ihre damit verbundenen Ängste. Das macht die junge Frau, die man für ihren unfassbaren Mut nur bewundern kann, auch sehr nahbar. Die Szenen, in denen man sie zusammen mit ihren Eltern sieht, die vor der Kamera ebenfalls über ihre Sorgen sprechen, wenn ihre Tochter zum nächsten Einsatz aufbricht und sie sich voneinander verabschieden, gehen auch nicht spurlos an einem vorbei. Genau diese Momente zeigen jedoch, wie wichtig es für Berxwedan und ihre Kameradinnen ist, für ihre eigene Freiheit und die Befreiung von jenen Frauen, die in Gefangenschaft leben müssen, zu kämpfen. Berxwedan betont, dass sie für sich und die Frauen kämpft, weil es sonst keiner tun wird und sie selbst Angst vor dem Schicksal hat, das die Frauen und Mädchen im nordirakischen Sindschar ereilt hat. Ein Schicksal wie das von Sepan Ajo, die als Kind von IS-Soldaten verschleppt wurde und Dinge erlebt hat, die man sich nicht einmal vorstellen will. Die heute 26-Jährige erzählt in dieser Dokumentation erstmals ihre traumatische Geschichte vor der Kamera und das so ungefiltert und ehrlich, dass man das Erzählte so schnell nicht vergisst.
Im letzten Drittel des Films kommt noch eine dritte Perspektive dazu: von Zakia aus Deutschland, die einen Mann geheiratet hat, der zum Terroristen wurde. Sie erzählt, wie ihr Mann sie 2014 unter dem Vorwand mit ihr in den Türkei-Urlaub zu fliegen nach Syrien brachte. Seit dem war sie nie wieder nach Deutschland zurückgekehrt und sitzt seit 2017 nach mehreren Fluchtversuchen mit ihren Kindern in einem IS-Camp fest, weil sie als IS-Anhängerin gilt. Ihre Perspektive lässt einige Fragen offen und nimmt im Film deutlich weniger Raum ein, als die Geschichte der beiden anderen Protagonistinnen.
Die Doku zeigt Bilder von zertrümmerten Häusern, verzweifelten Menschen, die alles verloren haben und drei Protagonistinnen, die offen und mutig über ihr Schicksal sprechen. Abwechselnd berichten sie von dem Kampf um Freiheit und Gleichberechtigung in einem extremistisch geprägten Patriarchat sowie die Zeit in der Gefangenschaft des IS und des Missbrauchs. Diese Perspektivwechsel sorgen dafür, dass man nach jeder Erzählung zwischendurch zumindest mal kurz durchatmen kann, auch wenn die nächste Geschichte dann auch wieder ziemlich an die Nieren geht. To My Sisters ist definitiv nichts für schwache Nerven. Die Aufnahmen von Kampfeinsätzen an der Front und vor allem die grausamen Schilderungen von brutalen Vergewaltigungen sind nur schwer zu ertragen. Aber es sind Themen, die aktueller denn je sind. Faek Falak gewährt in seiner Doku einen Einblick in eine Hölle, die für so viele Menschen leider brutale Realität ist. Es ist eine überaus gelungene, wenn auch sehr schmerzliche Dokumentation, in der er betroffene Frauen, die diese Hölle überlebt haben, selbst zu Wort kommen lässt und sie als Heldinnen würdigt. Wie der Filmtitel selbst schon aussagt, wirkt dieser wie eine Hommage an seine jesidischen Schwestern.
Was ein wenig den Erzählfluss stört, sind Infos, die wie in einer Art PowerPoint-Präsentation eingeblendet werden. An sich sind es zwar wichtige Hintergrundinfos, die den Krieg betreffen, allerdings ist es visuell etwas anstrengend, die kleinen weißen Lettern auf schwarzem Hintergrund so schnell lesen zu müssen, was auch verhindert, die Infos alle richtig aufnehmen zu können. Auch die Musikauswahl ist nicht immer sehr passend gewählt. Aber abgesehen davon ist der Film für diese schwere Kost wirklich gut umgesetzt und sehenswert, auch wenn an dieser Stelle eine deutliche Triggerwarnung, die im Film nicht vorkommt, essenziell ist.