Ryan „Holli-wood“ Holliger ist ein charismatischer, bulliger Kerl – ein „Pitbull“ von einem Mann –, der sechs Kinder mit fünf verschiedenen Frauen hat. Sein bester Freund AccRite, Rapper und Arbeiter, hat einen unvorstellbaren Verlust zu verkraften. Die beiden hegen den großen Traum, einen eigenen Film über das Vatersein in ihrer Arbeiterstadt in Missouri zu drehen. Im Verlauf eines entscheidenden, turbulenten Jahres wandelt sich das Filmprojekt jedoch zu etwas völlig anderem: zu einem Weg zu mehr Verantwortung, Heilung und Selbstfindung für ihre Familien.
Kritik
Durch die Linse der Fiktion eröffnet sich dem kantigen Protagonisten ein kritischer und klarer Blick auf die Realitäten eben jener alltäglichen Existenz, der er mittels einer fiktiven Rolle vorübergehend entkommen will. In diesem psychologischen Paradox liegt der Reiz Robert Greenes (Procession) ungewöhnlichem Doku-Drama, das den zeitgenössischen Trend der dokumentarischen Form zum grenzgängerischen Hybrid-Werk auf ebenso unterhaltsame wie berührende Weise umsetzt. In kreativer Zusammenarbeit werden aus den Mitgliedern der Familie im Mittelpunkt seiner Charakter-Reportage die Protagonist*innen ihrer eigenen Kinofilme.
Letzte sind mal Horror-Slasher, mal Coming-of-Age-Story, mal Gangster Movie. Oder einfach ein Drama vom alltäglichen Existenzkampf und dem Hinauswachsen über eigene problematische Eigenschaften. Von denen hat Ryan „Holli-wood“ Holliger einige. Als Vater von sechs Kindern mit fünf verschiedenen Frauen versucht er, seinen Kids die häusliche Stabilität und Zuwendung zu geben, die er selbst als Kind kaum kannte. Wenn er vor der Kamera von seinen Idealen spricht, scheint er Notwendigkeiten und Veränderungsbedarf zu erkennen, doch die praktische Umsetzung ist schwer.
Greene lässt seinen Protagonisten, der mit seinem besten Freund, Rapper AccRite, im ländlichen Missouri arbeitet, und dessen nahestehende Familie ihre eigenen Spielfilm-Szenen inszenieren, während er zugleich eine Doku über Holliger dreht. Erstaunlich nahtlos verbinden sich diese Parallel-Projekte zu einer kreativen Spiegel-Struktur. Jene gibt den Familienmitgliedern Autonomie über ihre eigenen Geschichten, die sie auf ihre realen Beziehungen übertragen können. Fiktion eröffnet nicht nur mögliche Realitäten, sondern offenbart manchmal schmerzhafte Wahrheiten, die hinter der Fassade des Alltags verborgenen bleiben.
Fazit
In einer inszenatorischen Inversion nutzt Robert Greenes dynamisches Doku-Drama die Geschichte seiner Entstehung als Handlungsgrundlage. Auf dieser entsteht das vitale Bild einer Patchwork-Großfamilie der US-amerikanischen Arbeiterklasse, die sich in einer Ära ökonomischer Instabilität und politischer Unsicherheit durchkämpft. Tragikomisch und lebensnah erzählt das multiple Persönlichkeitsporträt von den Rückschlägen und Träumen zweier Generationen und wird zugleich zum therapeutischen Initiator aktiver Veränderung. So ist der dokumentarische Hybrid auch eine Illustration des medialen Potenzials, Realitäten sowohl abzubilden als auch zu schaffen.
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