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Kritik
Regisseur Pierre Morel schickte Anfang 2009 einen völlig verärgerten Liam Neeson nach Paris und sorgte so für Action-Spaß ohne gleichen. Hart, tödlich und ohne Gnade wurde so die Unterwelt-Szene in der Stadt der Liebe aufgemischt. Ein Nachfolger von 96 Hours wird von Fans sehnsüchtig erwartet. Bis es jedoch soweit ist, kehrt Neeson nun in dem Mystery-Thriller Unknown Identity ein wenig in seine Paraderolle zurück. Zwar wurde das Setting von Paris nach Berlin verlegt, der Jäger zum Gejagten und die Regie von Jaume Collet-Serra übernommen, dennoch zeigt Neeson wieder einmal mehr, dass knackige Action durchaus sein Metier ist.
Die Geschichte über einen Wissenschaftler, der nach einem Koma von scheinbar niemanden mehr erkannt wird, basiert auf dem Roman Out of My Head von Didier van Cauwelaert. Doch anders als in der Vorlage verlegt Regisseur Jaume Collet-Serra den Schauplatz des Geschehens von Paris nach Berlin. Die Änderung liegt auf der Hand, zu sehr ähnelten sich im Vorfeld 96 Hours und das Werk von Collet-Serra. Dabei geht der Spanier einen völlig anderen Weg als sein französischer Kollege. So ist Unknown Identity in erster Linie ein Mystery-Film ganz in der Tradition eines Alfred Hitchcock. Er spielt mit den Sinnen, wirft Fragen auf, verunsichert, ein Spiel über Wahrheit und Fiktion. Zwar ist der präsentierte Plot dabei relativ vorhersehbar und ziemlich konstruiert, dennoch gelingt es bis zum Schluss an vielen Stellen Zweifel über die Identität von Martin Harris zu streuen. Trotzdem hätte es der Geschichte sichtlich gut getan, die Stimmung des Unvorhersehbaren weiter aufrecht zu halten – zu schnell wird Mystery zu Action. In dieser setzt Collet-Serra dann hauptsächlich auf Adrenalin gepumpte Szenen, die mit Wackelkamera perfekt in Szene gesetzt wird. Das klingt bekannt? Ja, denn der Spanier hat neben Hitchcock auch an vielen Stellen einen Jason Bourne zum Vorbild. Dies ist zwar deutlich erkennbar, aber keinesfalls verkehrt. Die so gezeigten Verfolgungsjagden und Mann-gegen-Mann-Kämpfe könnten kaum spannender in Szene gesetzt werden. Schade ist indes hier, dass zu oft das Tempo künstlich herausgenommen wird, was dazu führt, dass auch hier kein einheitliches Bild erkennbar ist.
Eines der Highlights von Unknown Identity ist der Nebenplot um den Privatdetektiv Ernst Jürgen und dem damit verbundenen grandiosen Auftritt von Bruno Ganz. Als kettenrauchender ehemaliger Stasi-Agent spielt er sogar eine Hollywood-Größe wie Liam Neeson spielend an die Wand. Neben humorvollen Onelinern ist es vor allem die großartige Präsenz von Ganz, die die Geschichte etwas interessanter gestaltet. Hier hätte man sich noch deutlich mehr Szenen gewünscht, doch schon die vorhandenen reichen, um dem Schweizer wieder einmal mehr vollen Respekt für sein darstellerisches Können zu zollen.
Die Wahl von Berlin als Drehort gestaltet sich hauptsächlich für das ausländische Publikum interessant, ist doch die Hauptstadt relativ selten Schauplatz eines ganzen Hollywood-Films. Regisseur Jaume Collet-Serra präsentiert hierbei ein eiskaltes, winterliches Berlin und offenbart schöne Aufnahmen der Hauptstadt, die besonders Kundige schnell wiedererkennen sollten. So wird neben der Siegessäule, dem Hauptbahnhof und bekannten Gebäuden der Innenstadt ein recht gutes Licht auf Deutschland geworfen. Weniger gelungen sind dagegen die vielen kleineren Details. Aus einer Krankenschwester wird da schnell mal eine Gretchen Erfurt (als Name), die Stasi ein offenes Geheimnis, was gerne rausposaunt wird, und ein ganzes Viertel mit illegalen Einwanderern zur Bretterbuden-Siedlung.
In Sachen darstellerischer Leistung zeigt sich die Geschichte um Martin Harris von seiner guten Seite, nicht zuletzt durch den hervorragenden Auftritt von Bruno Ganz. Liam Neeson spielt währenddessen die Rolle des Dr. Martin Harris gewohnt routiniert und lehnt sich an die Erfolgsfigur von 96 Hours an. Anfangs verwirrt, verfolgt er schnell eine klare Linie, ohne dabei gehetzt zu wirken. Genau diese innere Ruhe ist es auch, die einen hoffen lässt, gleich wieder einen angesäuerten Vater vor sich zu haben, der keine Skrupel kennt. Auch wenn diese Hoffnungen nicht erfüllt werden, kann Neeson durch seine pragmatische Darstellung vollends überzeugen. An der Seite von Neeson spielt Diane Kruger als bosnische Einwanderin Gina. Anfangs nur als Helferin, übernimmt sie vor allem zum Finale hin eine wichtige Rolle. Hierbei macht sie ihre Sache gut, kann sich aber aufgrund ihrer kaum ausdifferenzierten Figur nicht in den Vordergrund spielen.