MB-Kritik

Viva Carmen! 2026

Camélia Jordana
Milo Machado-Graner
Soumaye Bocoum
Carl Malapa
Fehdi Bendjima

Inhalt

Dieses Abenteuer, das in den Gassen des sonnigen Sevilla spielt, erzählt die Geschichte des Waisenjungen Salvador und seiner Freundin Belén, die gemeinsam mit einer Bande anderer Straßenkinder versuchen, die Erfüllung einer düsteren Prophezeiung über die lebensfrohe Carmen zu verhindern.

Kritik

Eine Opern-Verfilmung ohne, oder um den minimalen musikalischen Einschüben gerecht zu werden, mit fast keiner Musik, mag nach einer absurden Idee klingen. Doch Sébastien Laudenbach (Chicken for Linda) schafft mit sprühenden Farben und schwungvollen Formen ein mitreißendes visuelles Pedant von ebenso universeller Eindruckskraft wie akustische Kompositionen. Selbige webt der französische Regisseur und Animationskünstler nur als Akzente und dann fast ausschließlich in diegetischer Form, als Flötenspiel, gesummte Melodie oder improvisiertes Lied, in das frei adaptierte Szenario. Das interpretiert eine Außenperspektive auf das Libretto Georges Bizets 1875 uraufgeführter Oper.

Deren von Henri Meilhac und Ludovic Halévy verarbeitete Novellen-Vorlage Prosper Mérimées ist eine schwierige bis problematische Basis, nicht nur für ein Kinderpublikum. „Carmen“ ist die Quintessenz von Exotismus, Antiziganismus und Chauvinismus, übervoll mit negativen Klischees, Fetischisierung und Dämonisierung, die entscheidend die populäre Wahrnehmung von Roma und Sinti prägten und prägen. Laudenbach zeigt keine Ambitionen, diese Vorurteile zu revidieren, und fügt den mehrfachen männlichen Perspektiven, die den Stoff und seine Figuren formten, noch eine weitere hinzu. Dennoch soll seine Carmen (Stimme: Camélia Jordana) eine feministische Vision sein.

Dass dies nicht funktionieren kann, ist absehbar, auch wenn die für das Kinderpublikum vorsorglich gedämpfte Erzählung das klassische Narrativ zur Hintergrundhandlung eines eigenen Plots macht. Der junge Salvador (Milo Machado-Graner, Mit Liebe und Chansons) kehrt als Gehilfe des blinden Schleifers und Hellsehers Tonino (Paul Minthe, Ouf) in seinen Heimatort Sevilla zurück. Dort versucht er mit seiner angriffslustigen Kindheitsfreundin Belén (Soumaye Bocoum, Dammi) die Romnja Carmen vor Demir von Tonino prophezeiten Tod zu bewahren. Don José (Carl Malapa, The Sentinels) wird vom Initiator des Geschehens zum Opfer eines Schicksals, das niemand umkehren kann.

Carmen ist weiterhin temperamentvoll, schön und verführerisch. Ihr erster Auftritt ist eine Nacktbade-Szene, sie verlockt leichtfertig Don José und obwohl die doppelmoralistische Strafe für ihre titelgebende Rebellion tragisch scheint, wirkt sie weiter selbstverschuldet. In der Waise Belén hat sie eine mutige Verbündete, doch die sehnt sich ebenfalls nach einem männlichen Partner. Trotz anderweitiger Bekundungen, weil auch bei Laudenbach weibliche Figuren „nein“ sagen und „ja“ meinen. Realismus ist nur emotionalisierendes Konstrukt; Obdachlosigkeit erscheint als Abenteuer, Elternlosigkeit als Freiheit und Diskriminierung bleibt unsichtbar.

Fazit

Sein unbestreitbares Talent dafür, aus brutalen Vorlagen eine kindertaugliche Umsetzung zu schaffen und grausame Geschichten warmherzig und humorvoll darzustellen, bewies Sébastien Laudenbach bereits in "Chicken for Linda" und "The Girl Without Hands". Sein dritter Kino-Spielfilm gibt dem weltbekannten Narrativ durch den kindlichen Blickwinkel frische Facetten. Leuchtende Komplimentärfarben in kraftvollen Schattierungen verbinden sich mit skizzenhafter Linienführung flächig aufgetragen zu einem fauvistischen Wirbel. Dessen Energie und Expressivität kontrastieren mit den revisionistischen Stereotypen. Den Zauber der grandiosen Optik untergräbt die inhaltliche Ambivalenz einer nur maskenhaft modernisierten Story.

Autor: Lida Bach
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