Inhalt
Die Serie begleitet einen Arzt und sein Team in einer französischen Klinik für Jugendpsychiatrie. Als die 17-jährige Lucia von der Polizei zurückgebracht wird, droht die Ankunft einer neuen Patientin das fragile Gleichgewicht der Station zu zerstören.
Kritik
Mit seiner Mischung aus Zynismus und Verlogenheit ist der internationale Verleih-Titel Cédric Kahns (Making Of) toxischen Teenie-Dramas bedrückend passend für einen in seinem kaum verkappten Voyeurismus und der paternalistischen Perspektive hochproblematischen Festival Film. Dessen sensible Thematik dient lediglich als pseudo-problembewusste Legitimation sexistischer Stereotypen, rechts-reaktionären Dogmen sowie eines archaischen Apparats medizinischer Gewalt. All diese in der Jugendpsychiatrie, wie sie im Zentrum der ziellosen Handlung steht, alarmierend geläufige Faktoren werden nicht etwa kritisch reflektiert, sondern als notwendig und gar heilsam normalisiert.
Die ideologische Indoktrination als augenscheinlicher Grundsatz der didaktischen Inszenierung lässt keinen Raum für eine eigentliche Handlung, psychologische Entwicklung oder glaubhafte Charaktere. Sämtliche Figuren sind Reißbrett-Verschnitte aus der konservativen Klischee-Kiste. Das stagnative Szenario eröffnet die offenbar wiederholte Rückkehr der Lucia (Malou Khebizi, Madame), über die ein Wärter sagt: „Sie sieht süß aus, aber ist ein richtiger Dämon.“ Derlei beiläufige Creep-Kommentare sind Teil der auf institutioneller und inszenatorischer Ebene gleichsam normalisierten Sexualisierung der jugendlichen Patientinnen, die männliche Insassen auffällig überwiegen.
Die Ursachen dafür, dass insbesondere junge Frauen und Mädchen überproportional Träger von psychiatrischer Internierung und medizinischer Gewalt betroffen sind als Männer, die eine höhere Rate psychiatrischer Krankheiten haben und den Großteil der forensischen Straftäter ausmachen, werden nichtmal ansatzweise ergründet. Stattdessen zementiert der Regisseur und Drehbuchautor, der als abgeschmackte Pointe selbst als weiser Chefarzt Étienne auftritt, gängige Ressentiments über Neurodiversität. Lucia ist die sexuell unersättliche „Schlampe“ (Dialog-Zitat), ihre beste Freundin Eloïse (Zoé Monpart) das traumatisierte Opfer sexuellen Missbrauchs.
Es gibt die von ihrem fundamentalistischen Bruder in die Depression getriebene Muslima Yasmine (Ahleme Sahraoui), den durch Eloïses reine Liebe geläuterten Kriminellen Enzo (Kenji Peyran) und den dauernd wirres Zeug quasselnden Schizophrenen Ulysse (Raphaël Besson). Sie alle und der Rest der verkörperten Vorurteile sind ausgestellte Karikaturen, deren Leiden und Misshandlung verhöhnt, verharmlost und als angeblich notwendige Katharsis verklärt wird. Obwohl die Kids mit Hardcore-Medikamenten wie Zyprexa und Valium vollgepumpt werden, beeinträchtigen weder Nebenwirkungen noch Zieleffekte ihren Spaß auf Station.
Fazit
„Ich wollte nicht, dass geistige Krankheit oder Psychiatrie mit etwas zu Tödlichem assoziiert werden.“, verkündet Cédric Kahn im Interview zu seinem kruden Psychiatrie-Pamphlet. Dessen abstruser Plot propagiert das von Rassismus, Klassismus und Misogynie geprägte Psychiatrie-System in seiner destruktivsten Form. Ein austauschbarer Independent-Look aus Handkamera-Aufnahmen, Naturlicht, überforderte Newcomer und Original-Schauplätzen behauptet Realitätsnähe und Wahrhaftigkeit. Davon ist das hämische Spektakel indes weit entfernt. Institutionalisierte Folter wie Dauerfixierung und Isolation werden zu „Therapie“ deklariert in einem emotional manipulativen, ethisch fragwürdigen Sensationsstück.
Autor: Lida Bach