Gesehen im Programm des Film Festivals Cologne 2026
Huğlu ist ein kleiner Ort in Anatolien, der vor allem für seine Gewehrproduktion bekannt ist. Waffenfans dürfte der Name deshalb durchaus etwas sagen. Doch in der Dokumentation 32 Meters von Morteza Ataabaki geht es weniger um die Herstellung von Schusswaffen als um Menschen, die mit ihnen umgehen. Im Mittelpunkt steht die 50-jährige Halime, die in einer Waffenwerkstatt und deren Kantine arbeitet. In ihrer Freizeit greift sie selbst gerne zum Gewehr und beweist beim Schießen auf Plastikflaschen in der umliegenden Landschaft ein bemerkenswertes Maß an Treffsicherheit. Doch Halime hat noch etwas anderes vor: Sie möchte ein sportliches Schießturnier für Frauen organisieren.
Was zunächst nach einem überschaubaren Vorhaben klingt, entpuppt sich bald als kleine Herausforderung. Denn das Schießen gehört in der Region zwar zur Tradition, entsprechende Wettkämpfe waren bislang allerdings den Männern vorbehalten. Ein bereits geplantes Männertunier wurde sogar abgesagt. Halime lässt sich davon nicht entmutigen und versucht gemeinsam mit ihren Freundinnen, eine eigene Veranstaltung auf die Beine zu stellen. Dabei muss sie nicht nur organisatorische und bürokratische Hürden überwinden, sondern auch mit einer Gesellschaft umgehen, in der alte Rollenbilder längst nicht so selbstverständlich ins Wanken geraten, wie manche vielleicht behaupten würden.
Zwischen Alltagskomik und gesellschaftlichen Widerständen
Regisseur Ataabaki begleitet Halime und ihre Mitstreiterinnen über weniger als 80 Minuten hinweg. Dabei verzichtet er weitgehend auf erklärende Kommentare oder eine aufdringliche Einordnung des Geschehens. Stattdessen lässt er die Menschen vor seiner Kamera einfach machen. Wir beobachten Gespräche, gemeinsame Unternehmungen, Trainingsversuche und die vielen kleinen Begegnungen, die den Alltag in Huğlu ausmachen. Mal sitzen die Frauen mit ihren Ehemännern, mal unter sich am Straßenrand, knabbern Sonnenblumenkerne und plaudern. Solche Szenen besitzen einen ganz eigenen Charme und sorgen immer wieder für herzliche Lacher.
Der Humor entsteht dabei vor allem aus den Situationen selbst. Besonders die männlichen Vertreter der örtlichen Bürokratie liefern unfreiwillig komische Momente. Sie geben sich durchaus aufgeschlossen, finden aber erstaunlich viele Gründe, weshalb das Vorhaben der Frauen Schwierigkeiten bereitet. Ihre Ausflüchte und ihr Festhalten an überkommenen Vorstellungen lassen sie bisweilen wie Relikte aus einer anderen Zeit erscheinen. Man kann darüber schmunzeln, sollte allerdings nicht vergessen, was dahintersteckt: Der Widerstand ist mehr als eine harmlose Marotte. Er zeigt, wie tief traditionelle Geschlechterrollen noch immer verankert sind und wie viel Aufwand es Frauen kosten kann, sich selbstverständliche Freiräume zu erkämpfen.
Dabei zeichnet Ataabaki keineswegs ein pauschal negatives Bild der Männer. Immer wieder begegnen uns auch solche, die Halime und ihre Freundinnen unterstützen, ihnen wohlwollend begegnen oder schlicht kein Problem damit haben, dass Frauen ihren eigenen Weg gehen. Gerade diese unterschiedlichen Haltungen machen die Beobachtungen interessant. Der Konflikt verläuft eben nicht einfach zwischen Männern und Frauen, sondern zwischen festgefahrenen Vorstellungen und dem Wunsch nach mehr Selbstbestimmung.
Eine Frau, die man einfach gernhaben muss
Trotz dieser gesellschaftlichen Dimension ist 32 Meters keineswegs ein niederschmetternder Film. Im Gegenteil: Die Dokumentation besitzt eine ansteckende Leichtigkeit und verliert ihren optimistischen Grundton auch dann nicht, wenn Halime und ihre Freundinnen auf Widerstände stoßen. Dass ihre Geschichte schließlich eine erfreuliche Wendung nimmt, passt wunderbar zu dieser Haltung. Mehr soll an dieser Stelle nicht verraten werden.
Ohnehin ist Halime der eigentliche Glücksfall dieser Dokumentation. Ihre Energie, ihr Optimismus und vor allem ihr diplomatisches Geschick sind beeindruckend. Sie begegnet Schwierigkeiten mit einer Mischung aus Beharrlichkeit, Humor und Gelassenheit, die man sich gerne zum Vorbild nehmen würde. Dabei wirkt sie niemals wie eine künstlich zur Heldin stilisierte Figur, sondern wie ein Mensch, den man einfach gerne ein Stück weit begleiten möchte.
Große Kinobilder oder spektakuläre Wendungen sollte man von 32 Meters nicht erwarten. Seine Qualitäten liegen vielmehr in den zahlreichen kleinen Beobachtungen, dem authentischen Lokalkolorit und den eigenwilligen Persönlichkeiten, die Ataabaki mit viel Gespür einfängt. Aus einer zunächst recht unscheinbaren Geschichte entwickelt sich so ein Film, der weit über sein konkretes Thema hinausweist. Es geht um Gemeinschaft, Selbstbestimmung und die Frage, wer eigentlich darüber entscheiden darf, was Frauen können und dürfen.
32 Meters hätte mit seiner Geschichte durchaus auch als Spielfilm funktionieren können. Als Dokumentation gewinnt sie jedoch gerade durch ihre Unmittelbarkeit und die liebenswerten Zufälle des echten Lebens. Nicht jede Beobachtung ist gleichermaßen ergiebig, und gelegentlich hätte man sich etwas mehr erzählerischen Zug gewünscht. Doch Halime und ihre Mitstreiterinnen machen diese kleinen Längen mehr als wett. Eine ebenso unterhaltsame wie warmherzige Dokumentation, die mit einer kleinen Geschichte ziemlich viel erzählt.