Inhalt
Ein Mann unternimmt mit seiner kranken Mutter und neun Familienmitgliedern eine eintägige Tempelwallfahrt, nachdem sein Vorgesetzter vorhergesagt hat, dass sie bald sterben könnte.
Kritik
“Wir dürfen Buddha nicht warten lassen!“, mahnt ein Mitglied der pilgernden Familie im Zentrum Sompot Chidgasornpongses (Twenty Cigarettes) religiösen Road Movies. Dabei sollte Buddha alle Zeit der Welt haben und dazu mehr Geduld als die 9-köpfige Truppe, die sich gemeinsam in zwei Autos gequetscht auf eine Tages-Tour zu den titelgebenden Tempeln macht. Doch wenn der gutherzige Sakol (Surachai Ningsanond), sein erwachsener Sohn und dessen Freundin (Yada Karnjanisakorn) nicht pünktlich zum Gebet eintreffen, sind die höheren Kräfte womöglich erzürnt. Das hätte wortwörtlich fatale Folgen.
Ein Hellseher prophezeit Sakols Mutter Saluay (Amara Ramnarong), ihre Lebenszeit werde vor ihrem nächsten Geburtstag ablaufen. Um das abzuwenden, organisiert ihr Sohn im Eiltempo die Pilgerreise, auf die ihn seine erweiterte Verwandtschaft begleitet. Alle haben für den anstrengenden Trip eigene Gründe, die nicht unbedingt uneigennützig sind. Auch in den heiligen Stätten sind monetäre Opfer unerlässlich für höheren Segen. Schließlich muss Selbst ein Tempel gemanagt werden. Mit mildem Humor und feinem Blick zwischenmenschliche Dialektik folgt der thailändische Regisseur seinem Ensemble auf dem narrativen Weg.
Der ist das Ziel wie üblich im Subgenre des Familien-Road-Movies, dem die spirituelle Story tatsächlich ein paar frische Facetten abgewinnt. Dass erst der Tod dazwischen kommen muss, damit die Lebenden einander realisieren, ist eine der pragmatischen Erkenntnisse. Eine andere, dass es nicht auf mehr Lebenszeit ankommt, sondern darauf, die gegebene zu nutzen. Der Kontrasthintergrund der trivialen Fahrt akzentuiert den monumentalen Prunk der Tempelbauten, obschon die unkritische Darstellung organisierter Religion dem Szenario indes eine zwiespältige konservative Konnotation, verstärkt durch den Fokus auf traditionelle Familienwerte und Ethik.
Fazit
Mit seinem geistreichen Mehrgenerationen-Porträt zieht Sompot Chidgasornpongse zugleich einen Querschnitt durch die bürgerliche Mittelschicht seines Heimatlandes. Dessen Religion, Bürokratie und Geschäftswesen überlagern sich in den Pilgerstätten, die den leicht ausufernden Plot strukturieren. Die naturalistische Kamera erdet den religiösen Rahmen, in dem sich irdische Konflikte offenbaren. Fragen nach der Bedeutung familiärer und religiöser Ritualen, Vergänglichkeit und Schicksal werden nur oberflächlich abgehandelt. Das sichtbare Vorbild Apichatpong Weerasethakuls, für den Chidgasornpongse lange Regie-Assistent war, bleibt unerreicht, doch die authentischen Darstellungen und markante Ästhetik offenbaren dennoch eine eigene inszenatorische Intention.
Autor: Lida Bach