Inhalt
Im oscarnominierten, tragikomischen Kurzfilm A Friend of Dorothy entwickelt sich aus einem kleinen Unfall eine Geschichte, die zwei ungleiche Menschen zusammenbringt: Dorothy ist Witwe und lebt ein einsames, ruhiges Leben. JJ tritt in ihr Leben, nachdem sein Fußball versehentlich in ihrem Garten gelandet ist.
Kritik
Das Aufeinandertreffen von Generationen ist ein beliebtes Motiv im Film. Oft geht es dabei um Einsamkeit, Verlust und Ängste bei den Älteren, aber ebenso bei den Jüngeren, die zumeist als Außenseiter dastehen und kaum oder keine Kontakte zu Gleichaltrigen haben. Es sind Menschen, die von der Gesellschaft nicht wahrgenommen oder als lästig empfunden werden. Der oscarnominierte Kurzfilm A Friend of Dorothy ist ein vergleichsweise ruhiger Vertreter dieser Thematik, vielleicht am meisten vergleichbar mit Gus van Sants Forrester – Gefunden!. JJ (Alistair Nwachukwu, Sophie and the Danegeld) steht eines Tages vor der Tür von Dorothy (Miriam Margolyes, H is for Hapiness), um seinen Ball aus dem Garten zu holen. Aus dieser zufälligen Begegnung entwickelt sich schnell eine tiefgehende Freundschaft der beiden vermeintlich ungleichen Protagonisten, die im Theater eine gemeinsame Leidenschaft entdecken. Eine Begeisterung, die Dorothy zuvor offenbar mit ihrem verstorbenen Mann geteilt hatte, die aber ihr im Ausland lebender Sohn und ihr Enkel nicht teilen. Die Einsamkeit von Dorothy ist allgegenwärtig und in JJ findet sie den sozialen Kontakt, der ihr zu fehlen scheint.
Regisseur und Drehbuchautor Lee Knight (Eine handvoll Worte) kam die Idee zum Film eher zufällig während der Pandemie durch die Freundschaft zu einer älteren Nachbarin. Knight vermeidet in seinem Film das ganz große Drama und dadurch wirkt der Kurzfilm nahbarer und deutlich realistischer. Es ist eine Geschichte aus dem Alltag und dadurch gewinnt A Friend of Dorothy unglaublich an Authentizität. Die beiden Protagonisten gehen nicht auf große Reise, erleben keine Abenteuer und müssen auch sonst keine Kämpfe austragen. Sie sind einfach füreinander da. JJ hilft im Haushalt und macht Erledigungen und Dorothy ist für JJ der Wegbereiter in die Welt des Theaters und der Literatur. Beide geben sich emotional Halt und Hoffnung. Sie verstehen sich auch ohne große Worte. Überhaupt hat es der Film nicht nötig, auf übertriebene emotionale Momente zu setzen. Die Stärke des Films entfaltet sich durch seine ruhige Art, die leichte Melancholie und den zarten Humor.
Die Handlung ist nicht sehr komplex und dennoch fesselnd. Das liegt vor allem am Schauspiel der beiden Protagonisten. Miriam Margolyes spielt sich hier besonders in den Vordergrund. Sie reißt mit ihrer enormen Präsenz jede Szene an sich, aber das passt zu ihrer Figur. Aus Dorothy sprudeln die Erinnerungen nur so heraus. Sie blüht dank der Anwesenheit von JJ wahrlich auf und kann dem jungen Mann mit ihren Lebensweisheiten selbst unterstützend unter die Arme greifen, ihn ermutigen und ihm Selbstvertrauen geben. Dorothy ist für JJ ein Halt und ihre Wohnung mit all den Büchern ist für ihn ein sicherer Rückzugsort in einer Phase, in der ihm offenbar die Orientierung noch fehlt oder er sich jedenfalls nicht traut, zu seiner Homosexualität öffentlich zu stehen. Auch mit dieser Thematik geht der Film sanft um, lässt sie nur ansatzweise hervorscheinen, obwohl der doppeldeutige Titel des Films bereits mit der Tür ins Haus fällt. Er spielt auf das im Englischen verwendete Codewort an, das vor allem unter homosexuellen Männern verwendet wurde, um ohne Anfeindung und Repressalien die sexuelle Orientierung des Gegenübers zu erfragen. Alistair Nwachukwu bringt die Unsicherheit JJs mit seinem zurückhaltenden Schauspiel hervorragend herüber und liefert damit das perfekte Gegenstück zu Margolyes' Darbietung.
Fazit
„A Friend of Dorothy“ ist inhaltlich weniger komplex, überzeugt dafür mit seinen sanften Emotionen, die dank der beiden Hauptdarsteller bestens transportiert werden. Lee Knights Kurzfilm ist authentisch und erzielt trotz seiner unaufgeregten und zurückhaltenden Darstellung der Themen der queeren Selbstfindung und der Alterseinsamkeit eine enorme Wirkung. Der Film ist ein Plädoyer für mehr gesellschaftliche Empathie und seine Figuren sind so liebenswert, dass man sie gerne weiter begleitet hätte. Vielleicht entsteht daraus eines Tages noch ein Langfilm.
Autor: Andy Mieland