Niki hat zwei Jobs, kein Geld und nie Zeit. Nach einem Brand gerät Nikis Leben aus den Fugen. Ihre beiden Kinder werden in einer Pflegefamilie untergebracht. Mit verändertem Aussehen und neuer Identität nimmt Niki heimlich am Leben ihrer Kinder teil. Als Niki aufzufliegen droht, steht für sie alles auf dem Spiel.
Kritik
Der mehrdeutige Titel Jan-Eric Macks überkonstruierten Familiendramas antizipiert die moralistische Manipulation einer scheinsolidarischen Story, die klassistische Vorurteile unter dem Deckmantel der Systemkritik zementiert. Die „glückliche Familie“ kann sowohl als ironische Negation des kleinen Glücks, das die alleinerziehende Mutter Niki Hofer (Anna Schinz, Davos 1917) ihren zwei kleinen Kindern bieten möchte, aufgefasst werden, als auch die demonstrative Bestätigung einer Harmonie, die das Sozialgericht anzweifelt. Diese inhärente Dialektik ist symptomatisch für die ethische Unschlüssigkeit einer soziologischen Fallstudie, die der selbstgewählten Thematik beständig ausweicht.
Die focierte Dramatisierung wirkt wie eine thematische Vermeidung der systemischen Zwänge, die der überlasteten Hauptfigur eine optimale Betreuung ihrer Kinder unmöglich machen. Um ihre Schulden abzuzahlen pendelt die alleinerziehende Mutter zwischen zwei Jobs und hat trotzdem nur das Minimum für ich und ihre Kinder. Wenn sie selbst an den Geburtstagsgeschenken des Sohnes sparen muss, zeigt die entsprechende Szene neben einem dramaturgischen Bewusstsein für materielle Einschränkungen deren reelle Unkenntnis. Glaubwürdiger sind die soziale Schmähung und institutionelle Überwachung, die Nikis Kinder aufgrund ihrer früheren Alkoholabhängigkeit erfahren.
Jede kleine Auffälligkeiten, die in anderen Familien belanglos wäre, kann Niki das Sorgerecht kosten. Als ihre Tochter versehentlich einen Küchenbrand verursacht während die alleinerziehende Mutter auf Arbeit ist, landen die Kinder bei Pflegeeltern. Von dort an kippt das Szenario vom sozialrealistischen Porträt in ein skurriles Krimi-Versteckspiel, das die zuvor aufgebaute Kritik an bürokratischem System und sozialem Umfeld sukzessive untergräbt. Niki ermittelt auf abstrusem Weg den Aufenthaltsort ihrer Kinder und beginnt an deren neuer Schule in einem anderen Kanton als Putzkraft, um sie so heimlich zu sehen.
Bürokratische Benachteiligung, klassistische Kontrollmechanismen, gesellschaftliche Ressentiments und institutionalisierte Doppelmoral sind Nebensache in dem sich immer kurioser entwickelnden Plot. Niki lebt in ihrem Auto, muss dort allerdings nicht mal eine Nacht verbringen, weil ein hilfsbereiter Herr sie aufnimmt, verköstigt und an den Dinner-Tisch der Pflegeeltern einlädt. In ihrer osteuropäischen Putz-Kollegin an der Schule findet sie eine Verbündete und eine Haartönung genügt als perfekte Maskerade. Alkoholsucht ist plötzlich kein Thema mehr und die sich anhäufenden Straftaten betrachtet das Amt als willkommenen Denkanstoß über systemische Diskriminierung.
Fazit
Das von Jan-Eric Mack mit Hauptdarstellerin Anna Schinz sowie Nikita Afanasjev und Eva Kienholz verfasste Drehbuch changiert zwischen Mutterschafts-Melodram, Sozialkrimi und Persönlichkeitsporträt. Naturalistische Optik, fokussiertes Schauspiel und ruhige Kameraarbeit kaschieren nur oberflächlich die realitätsfernen Auswüchse der exemplarischen Story. Dass elterliche Qualifikation am Einkommen bemessen wird und Familien aus der Unterschicht einer im bürgerlichen Milieu undenkbaren Reglementierung ausgesetzt sind, wird zum Randdetail des überkonstruierten Plots. Der zeigt das institutionelle Misstrauen gegenüber prekären Lebensumständen als berechtigt. Nicht die sozial marginalisierte Eltern werden rehabilitiert, sondern deren administrative Reglementierung.
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