Inhalt
Die ostukrainische Region Luhansk im Herbst 2019. Im Kinderheim Priyut wohnen rund 40 Kinder zwischen drei und 15 Jahren. Wenige Kilometer entfernt von der sogenannten Kontaktlinie zwischen ukrainischer Armee und prorussischen Separatist/-innen finden die Heranwachsenden hier ein vorübergehendes Zuhause, während die Behörden mit Angehörigen und Pflegefamilien über das weitere Sorgerecht verhandeln.
Kritik
Ein Heim aus Scherben gebaut, aber mit jeder Menge Hoffnung gefüllt. Das beschreibt das Übergangsheim in Lyssytschansk ganz gut. Es sind die Scherben der gescheiterten Familien, zerbrochenen Träume und verlorenen Kindheiten, die Simon Lereng Wilmont in seiner Dokumentation Heimweh – Kindheit zwischen den Fronten zusammenkehrt und aufzeigt, wie aus dem Scherbenhaufen neuer Mut und Zuversicht entstehen kann. Während der Dreharbeiten zu seiner vorherigen Doku The Distant Barking of Dogs entstand die Idee zur Dokumentation über das Heim, nachdem er sich Sorgen um seinen Protagonisten Oleg machte, der mit seiner Großmutter nahe der damaligen Frontlinie wohnte, und sich die Frage stellte, was mit dem Jungen passiert, sollte der Großmutter etwas zustoßen. Wilmont entdeckte das Heim und dessen Besonderheiten. Priyut ist kein klassisches Kinderheim, sondern ein Übergangsheim, eine Notunterkunft für Kinder, die dringend aus ihren Familien herausgeholt werden müssen, aber über deren Zukunft der Staat bisher nicht entschieden hat.
Wilmont gelingt mit A House Made of Splinters (so der passendere Originaltitel) ein eindringliches Porträt, in dem er sich auf die Kinder in dem Heim konzentriert und die Erwachsenen zu Randfiguren degradiert. Still und fast unsichtbar bewegt sich Wilmont, der sich selbst für die Kameraarbeit verantwortlich zeichnete, zwischen den Kindern und beobachtet sie in ihrem Alltag, der zunächst gar nicht ungewöhnlich scheint. Die Kinder wirken fröhlich, spielen, haben Spaß und doch haben diese kleinen Seelen bereits vieles erlebt, bis sie an diesem Punkt angekommen sind. Hinter dieser vermeintlichen Normalität verbergen sich Geschichten von Vernachlässigung, Gewalt und familiärem Zerfall. Das Leid offenbart sich in regelmäßigen Telefonaten mit Angehörigen und Gesprächen mit Sozialarbeitern, in denen die Kinder erstaunlich erwachsen und aufgeklärt, aber zugleich äußerst naiv wirken. In ihnen schlummert die Hoffnung auf ein normales Familienleben mit ihren Eltern, und doch wissen sie um die Probleme. Enttäuschungen prägen ihr Leben und die Kamera ist ganz nah dran. Diese berührenden Aufnahmen im Wechsel mit der kindlichen Unbekümmertheit beim Spielen mit den anderen Kindern zeichnen die Doku aus. Die reine Beobachterrolle der Kamera ohne unnötige Inszenierung erlaubt es dem Zuschauer, einen tiefen Einblick in die verletzten Seelen der Kinder zu erhalten. Das ist ganz klar die Stärke von A House Made of Splinters.
Der Film benötigt keine zusätzliche Dramatisierung und lebt von den gezeigten Emotionen. Deshalb spielt der Krieg in unmittelbarer Nähe des Heims keine wirkliche Rolle, denn er ist nicht der Grund für die Einzelschicksale, sondern allenfalls ein Verstärker für Arbeitslosigkeit, Armut und Perspektivlosigkeit. Die Kinder kommen alle aus zerrütteten Familien und ihr bisheriges Leben ist geprägt von Vernachlässigung, Alkoholismus der Eltern und häuslicher Gewalt. Erstaunlich ist dabei, wie reflektiert einige Kinder mit der Situation umgehen, und dennoch bleibt dabei die Hoffnung auf ein besseres Leben. Eine Hoffnung, die sich dank des besonderen Schutzraums in dem Übergangsheim entwickelt und die sich die Kinder untereinander geben. Wilmonts verzichtet in seiner Doku weitestgehend auf Kommentare, Einordnungen und Hintergrundinformationen durch Texteinblendungen und lässt die Bilder für sich sprechen.
Doch dadurch entsteht etwas zu viel Leichtigkeit, weil man als Zuschauer schnell das Gefühl bekommt, dass die Kinder mit Spiel und Spaß ihre Traumata überwunden haben. Das Heim wird zu sehr als Allheilmittel gesehen, auch weil die Schicksale über die 9 Monate des Heimaufenthalts hinaus nicht weiterverfolgt bzw. lediglich mit kurzen Texttafeln dargestellt werden. Ob die Kinder tatsächlich dauerhaft Stabilität finden, ob sie erneut in problematische Familienverhältnisse zurückkehren oder wie sie ihre Erlebnisse verarbeiten, bleibt weitgehend offen. Die Komplexität der menschlichen Gefühlswelt und die Verarbeitung schwerster traumatischer Erlebnisse kommen eindeutig zu kurz. A House Made of Splinters ist nur ein sehr kurzer Ausschnitt aus den Biografien der Kinder, die nach neun Monaten das Heim verlassen müssen und nach staatlicher Anordnung zu ihren Eltern, Angehörigen, Pflegeeltern oder in andere Kinderheime gelangen. So bleibt am Ende eine ebenso berührende wie nachdenklich stimmende Dokumentation. Sie beeindruckt durch ihre Nähe zu den Kindern, ihre sensible Beobachtungsgabe und ihren Verzicht auf plakative Botschaften. Zugleich hinterlässt sie den Zuschauer mit vielen offenen Fragen über das Schicksal jener Kinder, die nach ihrem Aufenthalt das Heim verlassen müssen und deren Zukunft weiterhin ungewiss bleibt.
Fazit
Simon Lereng Wilmonts Film "A House Made of Splinters" ist eine einfühlsame und eindringliche Dokumentation über Kinder, die trotz Vernachlässigung, Gewalt und familiärem Zerfall ihre Hoffnung nicht verloren haben. Der Film überzeugt mit seiner beobachtenden Nähe und den authentischen Einblicken in die Lebenswelt seiner jungen Protagonisten. Gleichzeitig bleibt die Darstellung der langfristigen Folgen ihrer traumatischen Erfahrungen etwas oberflächlich. Dennoch berührt die Dokumentation nachhaltig, hinterlässt aber zugleich das Gefühl, nur einen kleinen Ausschnitt einer weit größeren und komplexeren Geschichte gesehen zu haben.
Autor: Andy Mieland