Inhalt
Als drei amerikanische Ärzte – ein Palästinenser, ein Jude und ein Zoroastrier – nach Gaza reisen, um Leben zu retten, geraten sie zwischen die Fronten von Medizin und Politik und riskieren alles, um die Wahrheit ans Licht zu bringen.
Kritik
“This is where my tax money went. This is where your tax money went.”, sagt Dr. Mark Perlmutter in einer frühen Szene Poh Si Tengs beklemmendem Dokumentarfilm-Debüt, das nach seiner Sundance Premiere in der Human Rights Sektion von CPH:DOX läuft. Der jüdisch-amerikanische Orthopäde und die Regisseurin, die am Rand der Szene in den Bildrahmen tritt, diskutieren über ein auf seinem Laptop Bildschirm noch verdecktes Foto aus Gaza. Perlmutter will die Aufnahme zeigen, entgegen der Bedenken der Regisseurin, dafür plädiert, sie um der Würde der Opfer Willen zu verpixeln.
Sie habe die Pflicht, diese Tatsachen zu zeigen, argumentiert er. Erfolgreich, wie der folgende Kamera-Schwenk auf das Foto der aufgereihten Leichen palästinensischer Kinder zeigt. Die aufwühlende Sequenz bündelt die dokumentarische Drastik, Dynamik und Differenzierung, die American Doctor von anderen Werken über den Genozid in Gaza oder Sanitäter in Kriegsgebieten abhebt. Dass die amerikanisch-malaiische Regisseurin neben dem verstörenden Anblick die Debatte darum zeigt, markiert die diffizile ethische Positionierung zwischen Sensationalismus und notwendiger Authentizität sowie der Repräsentation unterdrückter Perspektiven.
Welche davon zugelassen werden und welche ausgeblendet, ist eine ebenso definierende Frage der hintergründigen Kriegsreportage wie die, wie viel Grauen gezeigt werden muss, um ein Einschreiten gegen den Genozid zu bewirken. Die unmittelbare Handkamera begleitet drei US-amerikanische Ärzte bei ihrem aktivistischen Engagement daheim und dem medizinischen Einsatz in Gaza. Der palästinensisch-amerikanische Notarzt Dr. Thaer Ahmad, Dr. Perlmutter und der zoroastrische Trauma-Chirurg Dr. Feroze Sidhwa. Medienauftritte, politische Debatten und die Reise nach Gaza zeigen die dezidierten Unterschiede im Umgang mit den Protagonisten und ihren Aussagen.
Der universale Titel wirft ein Schlaglicht auf diese Ungleichbehandlung schon anhand der Abstammung der amerikanischen Kollegen. Jene steigert sich in die strategische Unterdrückung palästinensischer Stimmen und kulminiert in der politischen Legitimation militärischen Massenmordes. Dessen Schrecken zeigen die Bilder Schwerverletzter und verzweifelter Angehöriger, zerbombter OP-Säle und verbrannter Krankenhausbetten mit einer kaum gekannten Direktheit. Jene verstärkt den moralischen Appell und ist zugleich niederschmetternder Beleg der ideologischen Entwertung der palästinensischen Leben, um die jeder der drei Mediziner bis an seine psychischen und physischen Grenzen kämpft.
Fazit
Aktivisten-Porträt und Kriegsbericht verdichtet Poh Si Teng zu einem dringlichen Dokument von schonungsloser Intensität und visueller Drastik. Persönliche Gespräche und öffentliche Auftritte der Protagonisten enthüllen den elementaren Einfluss deren familiärer Herkunft sowohl auf ihre Wahrnehmung in einem ideologisch aufgeladenen geopolitischen Kontext als auch auf ihre eigene Verarbeitung des Erlebten. Scharfe Beobachtung und radikaler Konfrontation überlassen es dem Publikum, Argumente abzuwägen und Rückschlüsse zu ziehen. Psychologisch vielschichtig und selbstkritisch bezieht die analytische Inszenierung Persönlichkeiten und familiären Hintergrund der Titelfiguren ebenso in ihre Untersuchung ein wie die eigene repräsentative Stellung.
Autor: Lida Bach