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Die Sängerin, Songwriterin und Schauspielerin Courtney Love prägt seit Langem die Rock- und Popkultur. Nach ihrer Genesung von ihrer Sucht und der bevorstehenden Veröffentlichung neuer Musik nach über einem Jahrzehnt ist Courtney bereit, ihre Geschichte ungeschönt und ohne Kompromisse zu erzählen.
Kritik
“Everyone has a Courtney Love story”, sagt die ikonische Titelfigur und ehemalige Frontfrau der Grunge Kultband Hole zu Beginn Edward Lovelace (Name Me Lawand) und James Halls umfassenden Porträts. Die Mischung aus Direktheit, Sarkasmus und subtiler Subversion in dem doppeldeutigen Satz prägt den Ton der definierenden Doku über die wohl radikalste und in retrospektive einflussreichste Musikerin der 90er. Den revolutionären Einfluss, den Hole und Sängerin Courtney Love (Broken English) mit ihrem unverwechselbaren Sound, rohen Texten, idiosynkratischen Stil und hemmungslosen Auftritten hatte, lässt sich selbst in Retrospektive kaum erfassen.
So wirkt auch das Regie-Duo letztlich überfordert, Loves Leben, ihre Kunst und schillernde Persona in eine dokumentarische Chronik zu packen. Tragödien und Erfolge, Eklats und Exzesse, Höhenflüge und Abstürze prägten ihre Laufbahn. Mit drei Band-Alben schrieb Hole Musik-Geschichte. Zwei Filmrollen etablierten Love als brillante Schauspielerin. Doch solche Momente des Ruhms, dessen Licht- und Schattenseiten sie mit voller Wucht trafen, sind nur ein Bruchteil in der öffentlichen Wahrnehmung Loves. Ihr Auftreten, Aussehen und ihre Ausbrüche verstießen gegen alles, was Musikerinnen in den 90ern sein sollten.
Die vertraute Kamera, die eine im doppelten Sinn nüchterne Protagonistin bei der Arbeit an ihrem ersten Album seit 15 Jahren begleitet, interessiert sich für die Kollision medialer Mythen und popkultureller Projektion, Reflexion und schmerzlicher Erinnerungen. Entlang der unscharfen Grenze zwischen Selbstinszenierung und Selbstzerstörung entsteht eine musikalische Monographie, in der Love die Zeit und Kontrolle über ihre eigene Erfahrung behält. Jene ruhige Gegenwart balanciert die ausschweifenden Rückblicke, die Love mit entwaffnender Offenheit und selbstkritisch kommentiert. Ihr Weg in die Rock-Musik wird ebenso zur existenziellen Notwendigkeit wie Kreativität und Kontroverse.
Fazit
Die Hetzjagd der Medien, die Courtney Love für Dinge ächteten, für die ihre männlichen Kollegen als Rebellen gefeiert wurden, bleibt in dem chaotischen Archiv-Material Edward Lovelace und James Halls dokumentarischen Porträts so fragmentiert wie die Biographie der Titelfigur. Faszination und Relevanz der kantigen Komposition aus Zeitabriss und Revision ist einmal mehr Love selbst: ihre seismische Präsenz, Scharfsicht und Verletzlichkeit. Konzert-Mitschnitte, Interviews, Privatvideos, Film- und TV-Ausschnitte, Notizen und Textzeilen der Songs, die Gewalterfahrungen und Sehnsüchte poetisch verdichten, fügen sich zu einem losen Mosaik, dessen Faszination in den Brüchen liegt.
Autor: Lida Bach