Inhalt
Eine Gruppe jugendlicher Outcasts stiehlt in Medellín, Kolumbien, die Kamera eines Reporters, um ihr Leben zu dokumentieren.
Kritik
Sozialdrama, Crime Saga, Milieu-Skizze, Mockumentary, Mystery-Thriller, Okkult-Horror, Ghetto-Ballade, Science-Fiction-Film und Arthouse-Abstraktion sind nur die deutlichsten Genre-Elemente STILLZ diffusen Debüt-Feature. Jene wirkt dennoch seltsam leer und langatmig in seiner endlosen Exposition des titelgebenden Viertels im kolumbianischen Medellín, offiziell genannt Barrio Sagrado Corazón. Ausufernde Gewalt, zu der Piojo aka Juan (Juan Pablo Baena) und seine Clique beachtlichen Anteil haben, baulicher Verfall und soziale Verwahrlosung geben der tristen Gegend die Aura eines irdischen Infernos. Nicht nur im figürlichen Sinne.
Der Teufel oder einer seiner Handlanger erscheint leibhaftig in einer späten Szene, der die Leiche eines jungen Mannes und rausgerissene Gedärme einen Touch Splatter verleihen. Überraschend wirkt zu dem Zeitpunkt gar nichts mehr in dem surrealen Szenario, das zwischen Schein-Realismus, Symbolismus und subjektiver Sublimierung oszilliert. Vielleicht ist das auf den grob verpixelten Bildern einer Handkamera, die der jugendliche Protagonist und seine Gefährten in der ersten Szene einem Reporter stehlen, tänzelnde Silhouette eine Verkörperung der sozialstrukturelle Ausweglosigkeit.
Vielleicht auch nur eine improvisierte Idee des kolumbianischen Fotografen und Regisseurs und seines Produzenten Harmony Korine. Dessen anti-ästhetischer und anti-dramaturgischer Einfluss ist allgegenwärtige in der stagnierenden Story. Deren brüchige Gerüst das bisher stringenteste Werk dessen Filmschmiede EDGLRD, die mit dem Ego Shooter Experiment Baby Invasion und der Infrarot Techno Kill Spree Aggro Dr1ft ähnlich atmosphärisch und aggressiv ausgerichtete Werke vorlegte. In der Anfangsszene berichtete ein Reporter von seltsamen Himmelslichtern, bevor Juans Gang die Kamera stiehlt und deren Blick auf sich richtet.
Diese reizvolle, wenn auch absurd konstruierte Prämisse verschwindet jedoch nach wenigen Minuten nahezu völlig aus dem Geschehen. Das besinnt sich nur im von Blair Witch Project abgeguckten Vorspiel der Splatter-Episode auf diesen Aspekt der wirren Wanderung durch das hyperrealistische Setting. Das jenes in den 80ern angelegt ist, dient scheinbar einzig dazu, den Figuren etwas Punk Look zu verpassen und einmal einen Punk Song zu schrammeln. Ein tödlich eskalierter Juwelier-Raub, intime Interviews über Juans Familie, Träume und den Tod, selbst ein Alien-Auftritt gibt den erratischen Episoden nicht mehr Substanz.
Fazit
Nach seiner Premiere letztes Jahr in Venedig und dem Sprung zum TIFF läuft STILLZ auf visuelle Provokation angelegtes Langfilm-Debüt nun bei CPH:DOX in der Hybrid-Werken vorbehaltenen Sektion Parafiction. Wo in dem sprunghaften Szenario, dessen extrem grobkörnige Kamerabilder an einen Röhrenfernseher erinnern, die dokumentarischen Aspekte liegen, bleibt allerdings unklar. Narrative Kohärenz existiert kaum in den impulsiven Vignetten, in denen Außerirdische, ein sprechendes Pferd und eine Serie mysteriöser Verschwinden junger Männer Teil des alptraumhaften Alltags scheinen. Ein filmischer Fiebertraum, mal hypnotisch, meist narkotisch.
Autor: Lida Bach