Inhalt
In Marions 5. Klasse an der Schule in der Pariser Rue de Belleville sind Schülerinnen und Schüler aus aller Welt versammelt. Während draussen die Spannungen zunehmen und das staatliche Schulwesen ins Wanken zu geraten scheint, lernen die Kinder hier durch den Austausch ihrer Familienrezepte, miteinander zu leben und einander zu verstehen.
Kritik
Ein wenig erinnert Marine Gautiers filmischer Beitrag zum dokumentarischen Diskurs um die Herausforderungen eines veralteten Schulsystems a den Kuchen, den die Kinder der vorgestellten Grundschulklasse backen. Bewährte Zutaten werden mit Elan und spürbarer Begeisterung nach einem einfachen Rezept zusammengerührt. Das Ergebnis ist etwas und eben und das Backpulver fehlt, aber dafür steckt viel Liebe drin und so viel Zucker, dass es den meisten trotzdem schmeckt. Außerdem ist es ein Geschenk, wie der Kuchen, den die Kids Lehrerin Marion zum Geburtstag backen.
Die zweite Kinoarbeit der französischen Regisseurin folgt weiter dem inszenatorischen Kurs ihrer vorangehenden Werke, sowohl thematisch als auch tonal. Mehr als zuvor noch ist die Atmosphäre euphorisch und enthusiastisch in einem durch und durch positiven Porträt des zeitgenössischen Zustands von Lehranstalt, Personal, Schülerschaft und Unterrichtsgestaltung. Marions Klasse im titelgebenden Pariser Stadtteil bringt Kinder aus verschiedensten ändern zusammen, von denen manche noch einen ungesicherten Aufenthaltsstatus und nicht Unsicherheiten in französischer Sprache haben. Doch hier akzeptieren und helfen alle einander.
Lernen erfolgt praktisch und gemeinschaftsorientiert mit individuellen Freiheiten und unterhaltsamen Projekten. Viele davon drehen sich um kulinarische Facetten, die für die Kinder mit migrantischem Hintergrund eine wichtige Verbindung zu Heimat und Kultur darstellen. Augenscheinlich gehen wie zu erwarten alle gern zur Schule. Und wenn ein Mädchen doch auffällige Fehltage hat, regelt das ein fürsorglicher Anruf. Die Stimmung ist fröhlich und turbulent in den unkommentierten Beobachtungsszenen, die nie nennenswerte Schwierigkeiten oder Konflikte zeigen. Ein Lehrstück in Idealismus und Idealisierung.
Fazit
Energetisch, euphorisch und einseitig feiert Marine Gautier die Lehrerin ihres unilateralen Unterrichtspanoramas als Vor- und Idealbild einer dem äußeren Anschein nach perfekten Lehranstalt. Strukturelle Hürden, Budget-Kürzungen, Personalmangel, verstaubte Lehrpläne, familiäre Probleme - nichts davon existiert in der Doku-Exkursion, die das Publikum vom Premiere-Festival Visions du Réel degustieren soll wie die auf der Leinwand servierten Speisen. Ohne Off-Kommentar und Interviews relativiert keinerlei Kontext das schwärmerische Szenario. In Tradition der kritischen Sozialdokumentation entsteht deren Gegenteil: eine einnlullende Hommage an die Protagonistin und zentrale Institution.
Autor: Lida Bach