Mississippi Burning ist ein herausragender Film – und zugleich ein Werk, das sich trotz seiner historischen Grundlage nur schwer von der Problematik des White-Savior-Tropes lösen kann. Umso interessanter wäre es gewesen, mit By Any Means einmal einen anderen Blick auf die Ermittlungen gegen den Ku-Klux-Klan zu werfen. Einen Film, in dessen Zentrum ein schwarzer FBI-Agent steht und der die Perspektive damit verschiebt. Doch ganz so konsequent ist Regisseur Elegance Bratton dann doch nicht. Denn neben Yaheen Abdul-Mateen II rückt ausgerechnet der Mobster Scarpa immer wieder ins Zentrum, der dem FBI mit seinen höchst fragwürdigen Methoden dabei hilft, Zeugen zum Reden zu bringen.
Ein Mobster, der die Ermittlungen interessanter macht als der Film selbst
Daraus ergibt sich eine durchaus reizvolle Grundidee: Wer einen skrupellosen Gegner stoppen will, muss womöglich selbst bereit sein, Grenzen zu überschreiten. Gregory Scarpa, den Mark Wahlberg verkörpert, ist schließlich kein klassischer Held, sondern ein brutaler Krimineller, dessen Methoden kaum mit rechtsstaatlichen Prinzipien vereinbar sind. Als schmutziger Genre-Thriller hätte By Any Means mit dieser Konstellation durchaus ordentlich aufdrehen können. Der Film entscheidet sich allerdings gegen den pulpigen Reiz seiner eigenen Geschichte und für ein betont ernsthaftes Ermittlungsdrama. Angesichts des historischen Hintergrunds ist diese Entscheidung nachvollziehbar. Nur macht sie das Ergebnis leider nicht automatisch interessanter.
Denn obwohl die Geschichte von Gewalt, Rassismus und institutionellen Grenzen handelt, entwickelt der Film erstaunlich wenig Spannung. Die Ermittlungen werden pflichtbewusst abgearbeitet, ohne dass sich daraus ein wirklicher Sog entwickelt. Klassische Stationen des Polizeifilms werden angesteuert, aber selten mit genug Nachdruck, um daraus mehr als routiniertes Erzählkino zu machen. Auch die Inszenierung bleibt auffällig konventionell. By Any Means sieht nicht schlecht aus, besitzt aber kaum eine eigene visuelle Handschrift. Alles wirkt sauber, historisch korrekt und ordentlich in Szene gesetzt – und gleichzeitig erstaunlich altbacken.
Das gilt leider auch für die Figuren. Abdul-Mateen II bringt die notwendige Widersprüchlichkeit in seine Rolle mit: Sein FBI-Agent bewegt sich zwischen institutionellen Vorgaben und wachsendem Zorn über die Ungerechtigkeit, mit der er konfrontiert wird. Gerade daraus hätte sich ein spannender innerer Konflikt entwickeln können. Das Drehbuch lässt ihn damit jedoch häufig allein. Seine Figur darf wütend sein, zweifeln und Grenzen hinterfragen, bekommt aber nur selten die Möglichkeit, diese Gegensätze wirklich auszutragen.
Mark Wahlbergs Maskerade und der Streisand-Effekt
Noch auffälliger ist Wahlbergs Auftritt. Die Entscheidung, Gregory Scarpa durch eine auffällige Maskerade inklusive einer gewaltigen künstlichen Nase stärker an sein reales Vorbild anzupassen, lenkt permanent von der Figur ab. Natürlich basiert die Geschichte auf realen Ereignissen und Scarpa sah tatsächlich anders aus als Wahlberg. Doch ausgerechnet der Versuch, Wahlbergs Identität möglichst stark zu verbergen, erinnert ständig daran, dass hier Mark Wahlberg unter einer Maske steckt. Der gewünschte Realismus erzeugt damit einen beinahe unbeabsichtigten Streisand-Effekt.
Besonders schade ist, dass die interessantesten Informationen über Scarpa erst nach dem eigentlichen Film folgen. Die abschließenden Texttafeln machen deutlich, was für eine erschreckende Persönlichkeit hinter der Figur steckt und wie weit dessen Brutalität tatsächlich ging. Plötzlich wird klar, welches faszinierend-abstoßende Material hier eigentlich vorhanden gewesen wäre. By Any Means hätte daraus einen dreckigen, widersprüchlichen Rachethriller machen können, der seine moralischen Grauzonen nicht nur behauptet, sondern tatsächlich auslotet.
Stattdessen bleibt ein ordentlich gespieltes, historisch ambitioniertes Ermittlungsdrama, das seine eigene interessante Ausgangslage erstaunlich selten nutzt. Der Film stellt durchaus die richtige Frage: Wie weit darf man gehen, wenn der Gegner jedes Gesetz mit Füßen tritt? Eine wirklich überzeugende Antwort findet er darauf allerdings nicht. Dafür bleibt vieles zu glatt, zu vorhersehbar und zu brav erzählt. By Any Means möchte ernst genommen werden – und ist dabei leider deutlich weniger aufregend, als seine Geschichte es verdient hätte.