MB-Kritik

Cinema Kawakeb 2025

Ali Alkaidi
Yousef Jamil

Inhalt

Ein Besuch in einem heruntergekommenen Hinterhofkino in Jordanien, wo die beiden Angestellten und ihr einziger Stammkunde zu den Protagonisten eines witzigen und politisch brisanten Kurses in Sachen Filmemachen werden.

Kritik

Dieser Ort hat Charme, sagt ein faszinierter Besucher des verfallenden Titelortes, worauf einer dessen Betreiber sich zu seinem Freund wendet: „Was meint er damit: Charme?“ Gemeint ist die besondere Aura, die im letzten Kino im jordanischen Amman ebenso greifbar ist wie in Mahmoud Massads melancholischer Hommage an eines jener alten Lichtspielhäuser, die überall auf der Welt langsam verschwinden. Die Wehmut über diesen vielschichtigen Verlust, der weit über kulturelle oder architektonische Aspekte hinausreicht, verstärkt die Atmosphäre von Wehmut und Widerständigkeit des schummerigen Schauplatzes und dessen eigenwilligen Charakteren. 

Poetisch verdichtet und, wie Massads Anweisungen an seine Protagonisten offen erkennen lassen, selbst halb klassisches Kino, zeichnet der jordanisch-dänische Regisseur ein bittersüßes Porträt verblassender Erinnerungen, Exil und Einsamkeit im Schatten historischer und politischer Konflikte. Die beiden Betreiber, die alles in Gang halten, sind Geflüchtete von der West Bank. Dort betrieb Hamzas Familie ein Kino, in dem er seine Profession lernte. Anwenden braucht er sie nicht, denn das Kino ist geschlossen. Nicht wegen der Pandemie, während der überwiegend gedreht wurde, sondern der anhaltenden Fehde der Brüder des Besitzers.

Das ist indes nicht das größte Problem für Hussein, der als einziger Kunde regelmäßig herkommt, um alte indische Liebesfilme zu sehen. Ob die Betreiber daran überhaupt etwas verdienen, ist unklar. Denn Hussein ist ein obdachloser Schrottsammler, das Kino sein Zuhause. Dem droht nun der Verkauf, wie ein gelegentlicher Kino-Mitarbeiter ihm berichtet. “Wo sollen wir uns dann treffen?”, fragt Hussein niedergeschlagen. Die bröckelnden Wände und verstaubten Filmrollen des vor 80 Jahren errichteten Ortes bezeichnen zugleich den Verlust kultureller Begegnungsstätten und politischer Hoffnungen. 

Fazit

Das Kino wird in Mahmoud Massads stimmungsvollem Doku-Hybrid zum letzten Zufluchtsort der Vergessenen der Gesellschaft und vergessener Ideale, in dem nur noch Erinnerungen konserviert werden. Zwischen kaputten Sitzbänken und defekten Sicherungen wiederholen sich alte Filme ebenso unweigerlich wie außerhalb des cineastischen Horts die Geschichte. Geopolitische Dimensionen und Einzelschicksale verflechten sich in einer gleichsam zärtlichen und tragikomischen Bestandsaufnahme, deren morbide Ästhetik die eigene Vergänglichkeit reflektiert. Schwarz-weiße Archivbilder weltpolitischer Ereignisse und farbenfrohe Filmschnipsel kontrastieren miteinander ebenso wie mit der gedämpften Palette dieses stillgelegten Orts, dessen Projektor ein kollektives Gedächtnis manifestiert. 

Autor: Lida Bach
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