Inhalt
Eine temperamentvolle Englischlehrerin wird an eine Highschool im römischen Stadtteil Rebibbia geschickt, um dort eine Klasse schwieriger Schüler zu übernehmen. Zumindest werden die Jugendlichen so vom Lehrerkollegium wahrgenommen, das der neuen Lehrerin – aufgrund ihrer natürlichen Autorität und ihrer Fähigkeit, einen Draht zu den Unruhestiftern zu finden – sofort mit Misstrauen begegnet.
Kritik
„Diese Schule ist eine Müllhalde und wir sind der Müll.“, sagt eine der titelgebenden Schüler*innen in Umberto Cartenis (Der Liebesbetrug) didaktischer Adaption Gaja Cenciarellis autobiographisch inspirierten Buchs „Domani interrogo“. Der Spruch wirkt wie ein verkapptes Eingeständnis der kruden Klischees des reaktionären Retortendramas über eine engagierte Lehrerin, die einer Oberschulklasse im römischen Stadtteil Rebibbia Lektionen über James Joyce und Shakespeare vermitteln soll. Schon die abgenutzte Prämisse impliziert die bourgeoisen Ressentiments, die das generische Leinwand-Lehrstück von ähnlichen Werken abguckt.
„Unangepasst“ nennt die Synopsis die überwiegend von nicht-professionellen Darstellenden verkörperten Schüler*innen der namenlosen Protagonistin (Anna Ferzetti, La Grazia). Woran unangepasst, bleibt unklar. Augenscheinlich ist es der bourgeoise Wertkanon, den Ferzettis Figur ebenso verkörpert wie ein idealisiertes Schulsystem. In der schematischen Story voller hölzerner Textbuch-Dialoge und im Abspann nur als „Lehrerin“ bezeichnet, ist sie nicht nur eine Lehrerin, sondern steht allgemein für die Lehrkräfte, wie der Regisseur und Co-Drehbuchautor sie sieht: gebildet, kameradschaftlich und voller aufrichtigem Interesse an der Zukunft der Heranwachsenden.
Letzte sind die üblichen klassistischen Stereotype, in Zuckerwatte verpackt. Ein dreister Spruch an der Tafel in das Höchstmaß an Renitenz, die schon am ersten Tag freundschaftlicher Höflichkeit weicht. Offenbar genügt die bloße Gegenwart einer mittelständischen Lehrkraft, um aus „Troublemakers“ buchstäbliche Musterschüler*innen zu machen. Das denkbar plumpe inszenatorische Instrument eines prophetischen Off-Kommentars gibt Ausblick auf die Zukunft einer Handvoll Charaktere und präsentiert dabei die dialektische Doppelmoral. Positive Entwicklungen sind der Lehrerin zu verdanken, negative sind die Schuld der Schüler.
Fazit
In der nichtssagenden Optik einer Vorabend-TV-Serie serviert Umberto Carteni die Weichspüler-Version spießbürgerlicher Stereotype einer jungen Arbeiter- und Unterklasse, die noch nie von Shakespeare gehört hat und ohne die Unterstützung einer ausnahmslos intelligenten, belesenen Akademiker-Elite zum Scheitern verdammt wäre. Dabei sind die vermeintlichen Verhaltensauffälligkeiten dieser berüchtigten Klasse so aberwitzig harmlos, dass Dynamik und Dramatik gar nicht erst aufkommen. Die auffälligen Unterschiede in den schauspielerischen Leistungen des jungen Ensembles und Ferzettis krampfige Darstellung verstärken die artifizielle Atmosphäre der schablonenhaften Schul-Soap.
Autor: Lida Bach