In einer Winternacht des Jahres 1975 taucht eine geheimnisvolle Frau namens Evelyn ungebeten auf einer Feier auf und erzählt die Geschichte von Tom, einem alternden Einsiedler, der 1953 während eines Schneesturms in Colorado eine gestrandete Schauspielerin rettet. Um sich die Zeit zu vertreiben, berichtet die Schauspielerin von einer älteren Begebenheit: Ein Farmer-Ehepaar nimmt einen jungen, vom Schicksal gezeichneten Landstreicher bei sich auf, während eine Serie grausamer Morde Angst und Schrecken in der Grenzregion verbreitet.
Kritik
„Friends & Family“ wäre womöglich der bessere Titel Casey Afflecks (Light of My Life) dritter Regie-Arbeit um eine Lagerfeuer-Geschichte, aus der sich ein Potpourri weiterer Erzählungen und Anekdoten. Deren papierdünne Handlung erdrückt selbstgewichtige Schaueratmosphäre der Sorte, bei der in eisigen Winternächten in schmeichelndem Kerzenlicht mysteriöse Gestalten plötzlich vor der Tür stehen oder leblos liegen. Die Gastgebenden tun, was alle Filmfiguren tun würden, wenn nachts wildfremde mit ominöser Aura anklopfen und sich in der Gegend zur gleichen Zeit seltsame Todesfälle häufen: Sie bitten die Gäste herein.
In der Rahmenhandlung in den 70ern ist die junge Evelyn (Emily Alyn Lind, Solange wir lügen) die rätselhafte Reisende, die bei einer Abendgesellschaft auftaucht und dort die erste Story-in-der-Story beginnt. Die Anwesenden, darunter der bedeutsam zu ihr schauenden Indiana Affleck, lauschen gebannt, als hätten sich Unterhaltungsmedien keinen Schritt weiterentwickelt in den 20 und 70 Jahren, welche jene Erzählung und die ihr entspringende Story-in-der-Story-in-der-Story zurückführen. In einer Winternacht in den 50ern findet Einsiedler Tom (Nick Nolte, Crime 101) vor seiner einsamen Hütte eine bewusstlose Fremde und bringt sie ins Haus.
Alice (Caylee Cowan) dankt ihm mit einer weiteren Geschichte, angesiedelt Anfang des 20. Jahrhunderts im ländlichen Nebraska und natürlich einer weiteren Winternacht. Alice Großmutter Rebecca (Adelaide Clemens, Justified: City Primeval) und Großvater Emmett (Scoot McNairy, Man on Fire) finden im Schnee einen bewusstlosen Jugendlichen und bringen ihn ins Haus, ähnlich wie Tom Alice. Calebs (Atticus Affleck) Undankbarkeit und passive-aggressive Reaktion auf jede gastfreundliche Geste hält das Paar nicht davon ab, ihn als Nachtwache anzustellen. Eine grausige Mordserie, deren Opfern das Herz herausgerissen wurde, versetzt die Gegend in Unruhe.
Was Caleb damit zu tun hat, ist ebenso offensichtlich wie seine wahre Natur und die der beiden anderen Geschichtenerzählerinnen. Deren makabere Märchen behaupten eine philosophische Tiefgründigkeit, die ebenso hohle Fassade ist wie der inszenatorische Manierismus. Die Retorten-Spukstimmung ist abgenutzt, bevor die lange vorhersehbaren Horror-Elemente sich endlich zeigen. Das pittoreske Setting wird zur barocken Bühne für die schauspielerischen Ambitionen und mehr noch, das mainstream-modellhafte Aussehen der Affleck Nepo Babies. Deren mehrfache Privilegierung konterkariert die christlich-konservative Moral vom Glück „harter Arbeit, Gewohnheit und Erschöpfung“.
Fazit
Das vampiristische Motiv in Casey Afflecks prätentiöser Schauer-Mär wird unabsichtlich zur Analogie des Aufsaugens von Aufmerksamkeit. Der Hunger nach Zuhören eint das Trio monströser Narratoren mit einem schweren Fall von Mainstream-Charakter-Syndrom. Bizarre Ironie angesichts der dramaturgischen Funktion der Figuren, die trotz der soliden Darstellungen im doppelten Sinn blasse Stereotypen bleiben. Die sieben Kameraleute - Affleck, Masanobu Takayanagi, Lachlan Milne, Adam Arkapaw, Marcell Rév, Holger Jungnickel, Joaquin Baca Asay und Noah Fallis - können ihre visuelle Handschrift kaum entfalten. Das filmische Pendant der Protagonisten: eine ansehnliche, doch leblose Hülle.
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