Inhalt
2067. Eine Mutter erzählt ihrer Tochter vom Kampf ihrer Vorfahren gegen ein gross angelegtes Projekt zur Gewinnung Seltener Erden auf Madagaskar. Sie berichtet vom Widerstand der Menschen im Norden der roten Insel, die mit der systematischen Plünderung ihrer natürlichen Ressourcen im Namen der wirtschaftlichen Interessen des globalisierten Nordens konfrontiert waren. In einer Kombination aus Storytelling und Cinema Direct spricht Nantenaina Lova aus der Zukunft zu den Kämpfern der Gegenwart.
Kritik
Die Frage, wie zukünftige Generationen auf die aktuellen Krisen und Kämpfe blicken werden, dient als rhetorische Rahmenhandlung Nantenaina Lovas existenzialistischen Essays. Das in der Sektion Grand Angel der 57. Ausgabe von Visions du Réel uraufgeführte Kino-Dokument verflechtet poetische und politische Ansätze zu einer aktivistischen Aufarbeitung der gesellschaftlichen Konflikte Madagaskars. Die komplexe Thematik, die einen tiefgreifenden Einfluss auf die filmische Arbeit des madagassischen Regisseurs hatte, erschließt sich auf zwei einander reflektierenden Zeitebenen in Gegenwart und Zukunft.
In der nahen Zukunft des Jahres 2067 berichtet eine Mutter ihrer Tochter vom organisierten Widerstand ihrer Vorfahr*innen gegen die Bergbauindustrie, die in der an Schwermetallen reichen Gegend verheerende Folgen für Menschen und Umwelt hat. Der lokale Widerstand gegen Großprojekte wie jene des Bergbau-Giganten Rio Tinto, der über sein Tochterunternehmen QIT Madagascar Minerals in den südöstlichen Gebieten Titanerz abbaut, forciert auch eine soziale Spaltung. Diese entspringt der ökonomischen Abhängigkeit der Bevölkerung von den kolonialistischen Konzernen.
Als gleichermaßen affektives und analytisches Stilmittel setzt dieses dramatische Narrativ Geschichte, Geopolitik und generationsübergreifende Verantwortung in dialektischen Bezug. Die Ausschöpfung der Bodenschätze des globalen Südens wird zugleich Parallele und Pendant der Ausbeutung lokaler Arbeitskräfte durch den globalen Norden. In dieser Macht-Asymmetrie überdauern kolonialistische Strukturen, denen die kollektive Kraft der Madagaskars mariginalisierter Arbeiter*innen entgegensteht. Futurismus und Faktizität verschmelzen zu einem filmischen Fanal des Widerstands gegen imperialistische Invasion, das sich die Zukunft aus dem Jetzt erschließt.
Fazit
Angelehnt an die madagassische Tradition des Kabary, das Konfliktlösung und öffentliche Debatten mittels lyrischer Redekunst angeht, verbindet Nantenaina Lova Cinéma vérité und futuristische Fiktion zu einem gleichermaßen energischen und evokativen Dokument kulturellen Widerstands. Die mündliche Überlieferung verankert individuelle Erinnerung in einem gemeinschaftlichen Gedächtnis, das Resilienz und Rebellion als historische Akte begreift. Subtile Symbolik fügt sich nahtlos in die lakonische Bildsprache. Deren kritischer Fokus demaskiert das Postulat einer postkolonialen Gegenwart als kapitalistische Taktik im Ringen um eine unsichere Zukunft.
Autor: Lida Bach