Inhalt
Der Regisseur und Kameramann Piotr Pawlus engagierte sich als Freiwilliger im Ukrainekrieg. Er lieferte Hilfsgüter aus Polen und beförderte flüchtende Zivilisten. In In Ukraine (2023) und seinem neuen Film Death in the Makingdokumentiert er mit mitfühlendem, kristallklarem Blick das Leben und die Leiden der Ukrainer*innen sowie die Zerstörung, die die grossangelegte Invasion Russlands verursacht.
Kritik
Jeder Klick der Kamera dokumentiert in Piotr Pawlus minimalistischer Kriegsreportage die brutale Realität des Überlebens- und Widerstandskampfes der Menschen in der Ukraine. Als rhythmisches Stilmittel unterstreicht das metronomartige Geräusch die Zeit, die stetig verrinnt, während nicht genug gegen geschieht. Von dieser Kritik nimmt der Regisseur sich selbst dezidiert aus, denn er engagiert sich als Freiwilliger, liefert Hilfsgüter und transportiert Geflüchtete. Und nebenbei Lüfter ihm dies direkten Zugang zu seinem Sujet und den niederschmetternden Berichten der Menschen.
Sie zeigen ihre ausgebombten Heime und führen ihren beschwerlichen Alltag vor Augen. Die düsteren Farben und das fahle Licht verstärken die Aura von Trauer und Verzweiflung, durch die sich die Kamera bewegt. Ihr selbstbewusst verschobener Fokus erhebt den Akt des Dokumentierens und Observierens zum unterschwelligen Kern-Aspekt der düsteren Chronik. Darin hallt das Echo der Gewalt in Form von allgegenwärtiger Zerstörung. Zerschossene Fenster, überflutete Ernten, ausgebrannte Gebäude. Nachtlager und Habseligkeiten nebeneinander aufgereiht in einer zum Bunker umfunktionierten U-Bahnstation.
Die unmittelbare Nähe der Kamera zum Geschehen impliziert ungewollt auch die Distanz zur aktiven Kriegshandlung, deren verstörenden Spuren zur Mahnung von Mitschuld werden. Vergangenheit und Gegenwart überlagern einander in optischer und assoziativer Bildebene. Formal kontrastieren visuelle Reduktion und akustische Dramatisierung. Klassische Musik und das beschwört eine operatische Opulenz, die gegenüber der nüchternen Tragik befremdlich dissonant wirkt. Neben dem Klicken erweitern Standbilder die melodramatische Montage, die mehr ablenkt als katalysiert. Schrecken und Leid brauchen keinen verkleidenden Pathos.
Fazit
In direkter Nachfolge seines vorangehenden Dokumentarfilms "In Ukraine" hält Piotr Pawlus die niederschmetternden Szenen, mit denen ihn sein Freiwilligen-Einsatz täglich konfrontiert, filmisch und fotografisch fest. Das Nebeneinander beider verwandter Formen evoziert die mediale Dauerpräsenz, deren Teil er ist, das öffentliche Bewusstseins das historische Archivieren systematischer Kriegs- und Menschenrechtsverletzungen, die noch in Gange sind. Diese angedeutete Auseinandersetzung mit der Erzählbarkeit des Krieges in einer Ära permanenter humanitärer Katastrophen bleibt jedoch unfertig und in ihrer Ausführung zwiespältig, wie die musikalische Überhöhung der Verheerung.
Autor: Lida Bach