MB-Kritik

Der Heimatlose 2026

Drama

Paul Boche
Stephanie Amarell
Philip Froissant
Emilia Schüle
Jeanette Hain
Zhenja Isaak
Aaron Hilmer
Andreas Nickl
Maju Margrit Sartorius
Philip Günsch
Emil Hauss
Frederick Lepthien
Emilia Packard
Irene Kleinschmidt
Lena Maria Eikenbusch
Paul Behren

Inhalt

Nach 14 Jahren auf dem Festland kehrt Hein in seine Heimat zurück – das einzige Dorf auf einer abgelegenen Nordseeinsel. Zu seiner Überraschung erkennt ihn die eingeschworene Dorfgemeinschaft nicht wieder. Sogar sein Kindheitsfreund Friedemann distanziert sich von ihm, obwohl sie einst unzertrennlich waren. Um herauszufinden, ob Hein wirklich der ist, für den er sich ausgibt, rufen die Bewohner*innen ein Dorfgericht ins Leben.

Kritik

14 Jahre war er weg, nun kehrt Hein Mechthild (Paul Boche, Wunderschöner) in sein Heimatdorf auf einer unbenannten Nordseeinsel zurück. Die Architektur des Dorfes ist befremdlich, sowohl für den schlaksigen jungen Mann als auch für die filmische Immersion, denn Wände und Decken haben die Häuser in Kai Stänickes Spielfilmdebüt Der Heimatlose nur als offensichtliche Kulisse und umgeben die „Räume“ nie vollkommen. Eine Verfremdung in mehrfach symbolischer Hinsicht: Das Dorf ist vielmehr ein einziger, großer Raum und die verstohlenen und musternden Blicke der Einwohner, allen voran der Vorsteherin Jorinde (Jeanette Hein, Werk ohne Autor), dringen überall hin. Doch Hein wird der Zugang zu diesem verweigert. Zwar wird er zunächst gastfreundschaftlich aufgenommen, aber niemand erkennt Hein, den „Rückkehrer,“ wieder. Nicht seine, inzwischen stark demente Mutter, aber auch nicht sein langjähriger Jugendfreund Friedemann (Philip Froissant, Schwarze Insel), mit dem Hein ein Geheimnis teilt. Es folgt ein wortwörtlicher, dualer Prozess der gemeinschaftlichen Entfremdung und der persönlichen Verfremdung. Stänickes brechtsches Theater samt hölzernen, non-mimetischen Schauspiel um eine verlorene Identität etabliert viel und kommt, genau wie Hein, doch nirgendwo an. 

Täglicher Fischfang durchzieht die Dogville-esque, halbfertigen Dorfkulissen. Hein erinnert sich an einen Härtetest: Als Kind musste er, wie alle Heranwachsenden, vor der Gemeinde einen Fisch ausweiden. Was ihn als traumatische Erfahrung prägte, sieht die Gemeinde anders, der wahre Hein habe dieses Ritual der Maskulinität doch mit Stolz und Bravour bestanden. In dem zentralen Gerichtsprozess, den die Bewohner als Beweis für Heins Identität einfordern, kann er dieser kollektiven Erinnerung an sich selbst nicht gerecht werden. Immer wieder versagt er dabei, die Bewohner zu überzeugen, und die Lage spitzt sich weiter zu. Erinnerungen müssen rekonstruiert, eine Identität neu etabliert werden. Hein steht im ständigen Widerspruch, wenn er behauptet, dass seine Kindheit eine „hoffnungslose Zeit“ gewesen sei, er aber gleichzeitig „nie glücklicher“ war. So konstruiert Stänickes Film Identität als gefangen zwischen Widersprüchen und als etwas, was ausgehalten werden muss, im Inneren wie im Äußeren, kann dies aber nur psychologisch behaupten und trotz seiner formal-strengen visuellen Sprache nicht auf seine Akteure und die Bildebene anwenden. 

Während der Theatercharakter des Filmes eine Offenheit und Uneindeutigkeit impliziert, ist Stänicke zu sehr an einer Lösung für Heins Problem mit seiner vermeintlichen Heimat interessiert. Zwar ist die dargestellte Gemeinde nicht ohne lebhafte Charakteristiken, gerade wenn die subtil-grausame Ader im Schauspiel von Jeannette Hein Gastfreundschaft und latenten Sadismus zum Vorschein bringt, aber der potenzielle (und sehr aktuelle) Diskurs um Abschottung und Fremdenhass führt ins Leere. Nie kann Stänicke sich seinem epischen Theater ganz verpflichten und überreichert es immer wieder mit elegischer Streichermusik und erklärenden Rückblenden. Ein Abgrund zwischen Tradition und Moderne entsteht, zwischen Identität als gemeinschaftliche Prägung und als persönliche Verwirklichung. Nie aber kann Der Heimatlose diesen Abgrund überqueren und fällt schließlich in eine simple Dichotomie zwischen Wahrheit und Lüge. „Lüge“ ist auch der Name des Kartenspiels, das Hein ebenso verlernt hat und nun wieder neu erlernen muss. Das zentrale Geheimnis, wie akkurat Identität definiert werden kann, weicht bald einer aufdringlichen Botschaft, welche die behaupteten Widersprüche auf problematisch simple Art auflöst.

Fazit

Kai Stänickes Dorf-Theater-Hetzjagd um eine Identität, gespalten zwischen Individuum und kollektiver Performanz, ist in seiner verfremdenden Stilistik ambitioniert, in seinem Themengeflecht vielseitig, und dennoch zu nichtssagend. Die Geschichte von einem, der beweisen muss, dazuzugehören, obwohl er es eigentlich nie tat, bietet ausreichend Potenzial für eine radikale Neuinterpretation gesellschaftlicher Identifikation, welche „Der Heimatlose“ jedoch nur ärgerlich beiseiteschiebt, statt es je zu nutzen. Was bleibt ist eine reine, inszenatorische Behauptung, die groß fragt und leer beantwortet.

Autor: Jakob Jurisch
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