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England, 1483: König Edward IV. liegt im Sterben. Sein Bruder Richard strebt den Thron an. Dabei geht er buchstäblich über Leichen. Allerdings verfolgen ihn die Geister seiner zahlreichen Opfer noch über das Grab hinaus.

Kritik

Was Roger Corman (Die Verfluchten – Der Untergang des Hauses Usher) speziell in den frühen 60er Jahren in Akkordzeit ablieferte ist schlichtweg atemberaubend. Mitten in seiner äußerst fruchtbaren Edgar Allan Poe-Phase fand der umtriebige Fließbandfilmer noch Zeit für die Neuinterpretation des B-Movie-Klassikers Tower of London aus dem Jahr 1939, und das unter extrem widrigen Bedingungen. Geld und Zeit gab es im Hause Corman grundsätzlich kaum oder wurde ungern verschleudert, hier wurde er jedoch von Produzent Edward Small noch zusätzlich beschnitten. In nur 15 Tagen (!) musste der erprobte Sparfuchs den Dreh herunter rattern und zeigte sich im Nachhinein enorm enttäuscht über das Resultat, wobei es so eindrucksvoll wie kaum ein anderes seiner zahlreichen Werke belegt, was für ein grandioser Filmemacher der „Trash-Papst“ doch eigentlich war (bzw. noch ist, obwohl schon dreißig Jahre nicht mehr als Regisseur aktiv).

Roger Corman wandelt mal nicht auf den Spuren von Edgar Allan Poe, sondern verneigt sich mit dem für ihn typischen Augenzwinkern und nur rudimentärer Werktreue vor William Shakespeare. Vor kaum mehr als einer Handvoll Szenen-Bildern in den schon mehr als warmgespielten Kulissen aus dem eigenen Film-Fundus schüttelt das Effizienz-Wunderkind mal so nebenbei eine großartig stimmungsvolle Mixtur aus royaler Historien-Seifen-Oper, grausamen Folter-Grusel-Keller und sogar vielfach übertragbarer Politik-Parabel aus dem Ärmel, als wäre das in der Kürze der Zeit mit dem Budget der Kaffeekasse des letzten David Lean-Drehs keine große Sache. Natürlich mit von der Partie: Der unvermeidliche Vincent Price (Der Hexenjäger), der tatsächlich sogar schon in der ersten Verfilmung mit dabei war, damals aber noch in anderer Rolle. Nun darf er als buckliger, machtdürstender und unvorstellbar skrupelloser Folterknecht mit Hoheitsansprüchen so bösartig glänzen wie selten zuvor und danach. Das Wunderbare an Price war jeher die hauseigene Selbst-Ironie. Hier ist er nicht der irgendwie charmante Antagonist oder gar Antiheld, sondern widerwärtig und gewissenlos bis zum Anschlag. Aber selbst in diesem Heuhaufen der puren Boshaftigkeit findet Price die schelmische Nadel eines Vollblutdarstellers, die gleichzeitig den von Paranoia, Minderwertigkeitskomplexen und Schuldgefühlen in den Wahnsinn getriebenen, erstaunlich komplexen Charakter seiner Figur nicht kompromittiert. Es ist eine Form von intuitiver, spontaner Eleganz, die sich auf den ganzen Film übertragen lässt.

Nicht nur optisch erinnert Vieles an Mario Bava’s offizielles Spielfilm-Debüt Die Stunde, wenn Dracula kommt. Vor ähnlich spärlichen, dafür effektvoll verwendeten Sets schöpft ein Meister des Minimalismus aus seinen persönlichen Vollen und generiert Großes aus praktisch nichts. So sehr er hier sogar noch von außen reduziert wurde, es kommt ihm de facto noch zugute. Den notwendigen Kompromiss macht er zur Tugend; die kreative Notlösung fördert erst seine wahre Stärke zu Tage. Am Ende ist Der Massenmörder von London sogar eine der schönsten, zeitlosesten und poetischsten Arbeiten von Roger Corman geworden, obwohl praktisch alles aus der Not geboren wurde und man es ihr durchgehend anmerkt. Manchmal sind Budget und Vorbereitung nicht immer förderlich, einfach mal machen. Wenn echte Naturtalente am Werk sind, kann das in Ausnahmefällen sogar solche Perlen hervorbringen.

Fazit

Die Geister, die er rief. Ein heimgesuchter Vincent Price spielt sich unter der Ägide seines größten Förderers den Teufel aus dem Leib und dieser erweist sich nicht nur als Liebhaber schwarzer Grusel-Poesie, sondern als Kenner klassischer Tragödien. Und vor allem, wie man sie anderweitig für sich interpretieren kann. Ein ganz wunderbarer, oftmals sträflich unter Wert verkaufter Film, der viel besser ist als er eigentlich sein dürfte. Was macht einen guten Regisseur/Filmemacher aus? Exakt das.

Autor: Jacko Kunze

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