Ein Klassenzimmer, ein Fest, ein Hotel, ein Abendessen. Seit gut zehn Jahren – böse Zungen würden sagen: mit erstaunlicher Konsequenz – kreist das Kino von Sönke Wortmann um klar umrissene Räume und klar definierte Gruppen. Dort prallen Meinungen aufeinander, eskalieren Missverständnisse und offenbart sich das soziale Gefüge meist schneller, als den Beteiligten lieb ist. Ob in Der Vorname (2018) und seinen Fortsetzungen, in Frau Müller muss weg (2015) oder in Contra (2020): Wortmann interessiert sich weniger für filmische Ausschläge als für Gruppendynamik im komödiantischen Dauerstress. Mit Die Ältern bleibt er diesem Erfolgsrezept treu, verschiebt den Fokus jedoch leicht. Statt eines Ensembles rückt ein einzelner Mann ins Zentrum – auch wenn diese Verschiebung nicht ganz so radikal ausfällt, wie es zunächst scheint.
Zwischen Stillstand und Selbstvergewisserung
Im Mittelpunkt steht Hannes, ein erfolgreicher Autor ohne erkennbare Geldsorgen, Vater zweier Kinder, eingebettet in Routinen, die Sicherheit versprechen. Eigentlich läuft alles solide. Die großen Krisen scheinen bewältigt, der Alltag funktioniert, das Leben ist ordentlich sortiert. Erst als sich seine Frau Sara (Anna Schudt, Spuk unterm Riesenrad) trennt und gemeinsam mit der Tochter in eine WG zieht, gerät dieses System ins Wanken. Nicht aus dramatischen Gründen, sondern aus einer leisen, nagenden Erkenntnis heraus: Hannes steckt fest. Nicht unglücklich, aber auch nicht wirklich in Bewegung.
Was folgt, ist ein vertrautes Muster. Hannes probiert Neues aus, stolpert, scheitert, landet in peinlichen Situationen, sammelt kleine Siege und lernt, dass Gewohnheit zwar bequem, Veränderung aber manchmal notwendig ist. Das alles basiert auf dem gleichnamigen Roman von Autor und Journalist Jan Weiler, dessen Stoffe seit Maria, ihm schmeckt’s nicht! (2008) immer mal wieder den Weg ins deutsche Kino finden. Die Ältern lässt sich dabei durchaus als lose Fortführung von Das Pubertier (2017) lesen, auch wenn Besetzung und konkrete Handlung variieren. Wer den Vorgänger kennt, entdeckt Parallelen, wer nicht, verpasst nichts Entscheidendes. Die Filme funktionieren unabhängig voneinander, eingebettet in ein loses erzählerisches Geflecht, das mehr verbindet als verpflichtet.
Routiniert erzählt, angenehm uneitel und mit einem guten Hauptdarsteller
Weilers Geschichte ist dabei erstaunlich uneitel. Die Ältern bemüht sich nicht, jede Entwicklung mit einfachen Lebensweisheiten zuzudecken oder Konflikte künstlich zu dramatisieren. Manche Beobachtungen wirken sogar angenehm ehrlich, vor allem dort, wo der Film nicht sofort nach der großen Pointe greift, sondern Zwischentöne zulässt. Auch der Verzicht auf zu viel Überzuckerung tut gut. Gleichzeitig bleibt der Film fest in bekannten Bahnen. Die Dramaturgie folgt gängigen Schemata, Überraschungen halten sich in engen Grenzen. Wortmann inszeniert routiniert, vielleicht zu routiniert. Das ist handwerklich sauber, aber auch vorhersehbar. Man weiß früh, wohin die Reise geht, und wird selten vom eigenen Erwartungshorizont überrascht. Der Film funktioniert, ohne wirklich herauszufordern.
Einen Großteil seiner Wirkung verdankt Die ÄlternSebastian Bezzel. Der Schauspieler bringt Charisma und Wärme mit, die der Figur des Hannes guttun. Fans des Eberhofer-Kosmos brauchen womöglich einen Moment, um ihn nicht automatisch als grantelnden Provinzpolizisten zu lesen, doch Bezzel findet schnell eine eigene Tonlage. Seine Darstellung sorgt dafür, dass man Empathie entwickelt, auch wenn Hannes’ Lebensrealität spürbar von der vieler Zuschauer*innen entfernt ist. Eine Trennung, die so reibungslos, finanziell unberührt und organisiert abläuft, existiert eher im Film als im Alltag – oder eben in Weilers Erzählwelt.
Das Poster lügt, aber der Film ist ganz solide
Weniger glücklich ist das Marketing. Das Plakat suggeriert, die Tochter Clara (Kya-Celina Barucki, Mädchen Mädchen) stünde im Zentrum der Handlung, tatsächlich bleibt sie eine wichtige, aber klar nachgeordnete Figur. Die Ältern interessiert sich deutlich stärker für Hannes und dessen Versuch, seine eingefahrenen Muster aufzubrechen. Das ist inhaltlich konsequent, wirkt im Nachhinein aber wie eine kleine Irreführung - ähnlich wie der gesamte Titel.
Unterm Strich ist Die Ältern eine solide, gefällige Komödie, die sich wenig zuschulden kommen lässt, aber auch selten über sich hinauswächst. Sie erzählt von Veränderung, bleibt dabei selbst erstaunlich unbeweglich und verlässt die vertraute Komfortzone des deutschen Mainstream-Kinos nicht. Das ist nicht ärgerlich, aber auch nicht besonders aufregend. Wer Wortmanns Handschrift schätzt, bekommt genau das, was er erwartet – nicht mehr, aber eben auch nicht weniger.