Inhalt
Glücklich diejenigen, die wie Sekou eine grosse Reise hinter sich haben. Wie schon seine Eltern, ist auch Sekou ein Griot. Um seine Ausbildung abzuschliessen, reist er durch Westafrika und kehrt dann wieder nach Hause zurück. Die Reise stellt seine Berufung auf die Probe und wirft die Frage auf, ob diese alte Kunst in der modernen Gesellschaft noch einen Platz hat. Auf seiner Odyssee begleitet und leitet ihn die alte Legende von Sundiata.
Kritik
Wie lässt sich eine Kunst und Kulturhistorie bewahren, die aus der Vergangenheit gewachsen nur im Moment existiert, und in dem Moment verloren geht, in dem niemand sie mehr ausübt? Diese unterliegenden Fragen durchziehen Boubacar Sangarés dokumentarisches Road Movie, das Burkina Fasos vom verschwinden bedrohter Erinnerungskultur mit den sozialen und strukturellen Herausforderungen der politischen Gegenwart verknüpft. Die balladeske Handlung erinnert an die Gedichte und Gesänge, in denen der junge Protagonist die Geschichten und Geschichte seines Volkes festhält.
Sékou ist ein Djeli; Träger der über Generationen weitergegebenen mündlichen Überlieferung. Die titelgebende Ausdrucksform bezeichnet das mündliche Weitergeben von Historie, Legenden und Musik sowie das Verkünden bedeutsamer Ereignisse. In der westafrikanischen Manding-Kulture agieren die Djelis zugleich als Historiker*innen, Lyriker*innen, Musiker*innen und Ratgeber*innen, deren Aufgabe mit gemeinschaftlicher Verantwortung einhergeht. Um seine Ausbildung in der seltenen gewordenen Kunst zu vollenden, geht Sékou auf eine Reise durch die Regionen, die einst zum Königreich der Mandinka gehörten.
Initiations-Story und anthropologisches Porträt verflechten sich zu einer melancholischen Meditation über die Zukunft einer gleichsam flüchtigen und elementaren Tradition. Digitale Technik und moderne Medien stellen ihn vor Herausforderungen, die seinen Älteren Lehrenden unbekannt waren. Einstmals essenziell, scheint die Kunst nurmehr Dekorum. Die Tour durch Westafrika führt ihn auf die Spuren Malis sagenumwobenen Begründers Sundiata Keita und in seine eigene Familiengeschichte. Individuelle Unmittelbarkeit und digitalisierte Distanz manifestieren sich als die universellen Gegenpole einer Selbstsuche von vielschichtiger Resonanz.
Fazit
Die Verdrängung von erlebten Kultur- und Kunsterfahrungen sowie den damit verbundenen zwischenmenschlichen Begegnungen durch digitale Derivate ist ein Konflikt von trauriger Universalität. In seiner Verflechtung persönlicher Biografie und kollektiver Mythen bewahrt Boubacar Sangaré stets den Fokus auf übergreifende soziologische Faktoren. In den poetischen Ansätzen der intuitiven Inszenierung, deren elegische Bilder imposanter Landschaften und freundschaftlicher Momente an den Wert realer Erfahrung erinnert, spiegelt sich die Kulturtradition. Cinéma vérité und Doku-Drama verschmelzen zu einer bedächtigen Reflexion über die Beständigkeit des Ephemeren.
Autor: Lida Bach