Inhalt
Im Sommer 1990 sind die Deutschen im kollektiven Freudentaumel: Die Nationalelf gewinnt in Italien unter Teamchef Franz Beckenbauer die Fußballweltmeisterschaft und setzt damit dem ganzen Land ein Denkmal. Diese legendäre Geschichte muss jetzt, 35 Jahre später, noch einmal erzählt werden – für alle, die damals mitgefiebert haben, und für die nachwachsenden Generationen. Mit neuen, intimen Einblicken von den Spielern selbst, nie gesehenen Privat-Aufnahmen und neuen Schätzen aus den Archiven der FIFA. Dabei geht es nicht nur um Fußball - viel mehr um Freundschaft, Loyalität und Hoffnung in einem neu-vereinigten Deutschland.
Kritik
Der Sommer 2006 ging als das Sommermärchen in die Geschichte ein. Ganz Deutschland war im Freudentaumel und stand hinter der eigenen Nationalmannschaft bei der Weltmeisterschaft im eigenen Land. Positiver Nationalstolz war ohne Hintergedanken für wenige Wochen möglich und Fußball war plötzlich noch populärer als sonst und zog sogar diejenigen in den Bann, die sonst für diesen Sport überhaupt nichts übrig hatten. Sönke Wortmann (Contra) lieferte im Nachgang mit seinem Film Deutschland. Ein Sommermärchen die passende Ergänzung für diejenigen, die liebend gern an den wunderbaren Sommer zurückdachten. Das Fußballmärchen war bekanntlich kein Märchen mit Happy End, denn der ersehnte WM-Titel blieb aus. Den gewann man erst 8 Jahre später in Brasilien und auch hier gab es passenderweise gleich mit Die Mannschaft eine Dokumentation, die den erfolgreichen Auftritt filmisch festhielt. Für Deutschland war es der vierte WM-Titel und noch nie schien man so nah an den Spielern zu sein wie 2014 oder bereits in der Doku von 2006. Die WM 1954 wurde ebenfalls durch Sönke Wortmann in seinem Film Das Wunder von Bern auf der Leinwand verewigt, während die Weltmeistertitel 1974 und 1990 bisher weitestgehend außen vor blieben.
Vanessa Nöcker (Schumacher) und Nadja Kölling reisen nun in ihrer Dokumentation Ein Sommer in Italien - WM 1990 noch einmal zurück in das Jahr, in dem Deutschland nicht nur Weltmeister wurde, sondern auch die Wiedervereinigung vollzog. Von der Emotionalität her ist der Weltmeistertitel wohl mit der Heim-WM 2006 vergleichbar. Ein ganzes Land stand hinter dem Team und erstmals konnten auch die Bürger der damals noch existierenden DDR uneingeschränkt zu den Fußballspielen der deutschen Nationalmannschaft nach Italien reisen. Für die Spieler war dies ein weiterer Ansporn, wie sie in Interviews verrieten. Die Fußballnationalmannschaft der DDR existierte zu diesem Zeitpunkt noch, jedoch war das Ende absehbar. Die WM 1990 war daher für beide deutschen Staaten ein emotionaler Höhepunkt. Leider wird dieser Umstand in der Dokumentation nur am Rande beleuchtet, denn Nöcker und Kölling legen den Fokus ausschließlich auf den Sport und stützen sich vorwiegend auf aktuelle Interviews mit den damaligen Spielern und Trainern sowie Archivaufnahmen der Spiele, alte Interviews von der WM sowie Privataufnahmen von Bodo Illgner und Sepp Maier.
Die Dokumentation bleibt bei der Mannschaft und stellt die Spieler und Trainer in den Mittelpunkt. Ein Sommer in Italien soll zu ihrem Denkmal werden und hat daher keinen Platz für das Drumherum. Man erhält Einblicke in das Innenleben der Mannschaft, insbesondere durch die Privataufnahmen, aber auch durch die eine oder andere Anekdote der Spieler. Für die Spieler ist das eine nostalgische Zeitreise an den Ort ihres größten Triumphes, denn einige von ihnen besuchen das damalige Teamhotel am Comer See und nehmen den Zuschauer mit an einen Ort, der so wichtig war für das Teambuilding. Für den Zuschauer ist es zwar durchaus informativ, die Geschichten der erfolgreichen Mannschaft zu hören, mehr über Freundschaften zu erfahren und hinter die Kulissen zu schauen, dennoch bleibt die Doku etwas eindimensional und lässt Höhen und Tiefen vermissen. Am emotionalsten wird es, wenn die Spieler auf die mittlerweile verstorbenen Franz Beckenbauer und Andreas Brehme zu sprechen kommen. Gerade der Blick auf den damaligen Trainer Franz Beckenbauer ist zudem interessant, weil man sieht, wie er mit seiner Art im Umgang mit den Menschen Lockerheit und Leichtigkeit vermittelte und dennoch mit dem notwendigen Ernst an die Sache heranging. Durch seinen äußerst menschlichen Umgang mit den Spielern bekommt man einen guten Eindruck von der Lichtgestalt des deutschen Fußballs, der es so gut vermocht hat, dieses Team zu führen und zu motivieren. Die Doku huldigt ebenso dem Finaltorschützen Andreas Brehme, der nicht nur auf dem Platz großen Einfluss auf die Mannschaft und seine Mitspieler hatte und der stets voranging.
Positiv hervorzuheben ist zudem, dass selbst die Ersatzspieler noch zu Wort kommen, die keine Minute bei der WM gespielt haben. Die Doku legt hier deutlich Wert darauf, die gesamte Mannschaft zu betrachten und nicht nur die einzelnen Individualisten, die nach dem WM-Sieg als Helden auf dem Platz standen. Dadurch lässt sich der Teamgeist spüren, doch vieles bleibt eben oberflächlich und viel zu brav. Bis auf die berühmte Wutrede Franz Beckenbauers nach dem Spiel gegen die Tschechoslowakei oder die Spuckattacke von Frank Rijkaard auf Rudi Völler im Spiel gegen die Niederlande und die damit verbundene Kontroverse um die rote Karte geht es sehr harmonisch in dieser Dokumentation zu. Kaum zu glauben, dass es nicht zu irgendwelchen Reibereien unter den Spielern kam, die immerhin über mehrere Wochen zusammenleben mussten. Zwar mag Beckenbauers lockerer Führungsstil dabei geholfen haben, dennoch kann man sich die Fußballprofis ohne ihre Starallüren kaum vorstellen. Es fehlt leider auch an taktischen Analysen und Hintergründen zur Matchstrategie und an der ebenso bedeutenden Frage, warum welche Spieler für die WM ausgewählt worden sind. Bereits 2023 erschien das Buch Wir Helden von Rom, das sich ebenfalls dem WM-Triumph 1990 widmete und in dem bereits die damaligen Spieler und Trainer zu Wort kamen. Dieses Buch taucht im Vergleich zur Doku tiefer in die Materie ein und liefert deutlich mehr Hintergrundwissen auch zur Auswahl der Spieler. Im Buch werden noch mehr Anekdoten erzählt über die einzelnen Spieler, ihre Bedeutung für die Mannschaft und manch unglaubliche Geschichte über ungenehmigte Ausflüge. Die Dokumentation fällt hier etwas kürzer aus, ist im Ergebnis jedoch ein Volltreffer für alle Nostalgiker, die gern noch einmal ihre WM-Helden von 1990 wiedersehen wollen. Chronologisch aufgebaut, mit den wichtigsten Ereignissen aus den Spielen bestückt und mit immer wieder eingeblendeten Interviews von Franz Beckenbauer kann sich diese Dokumentation im Ergebnis für fußballaffine Fans durchaus sehen lassen, auch wenn man sich gern mehr Emotionalität gewünscht hätte.
Fazit
„Ein Sommer in Italien - WM 1990“ ist eine nostalgische Zeitreise für all diejenigen, die sich dem Fußball verbunden fühlen und die gern noch einmal dieses schöne Gefühl des WM-Triumphs mit ihren alten Helden erleben wollen. Viele von ihnen kommen zu Wort, dürfen ihre Heldengeschichten erzählen, was die Dokumentation nahbar und unterhaltsamer macht. Die Doku eignet sich genauso für jüngere Fans und diejenigen, die mit Fußball weniger am Hut haben, da sie übersichtlich aufgebaut ist, nachvollziehbar den Turnierverlauf schildert und kein Vorwissen voraussetzt. Letztendlich fehlt der Doku aber der Blick über den Tellerrand hinaus auf die Fans und auf das Land, das sich in einem kollektiven Freudentaumel befand. Wer darüber hinaus mehr Hintergrundwissen und tiefere Einblicke wünscht, dem sei das Buch „Wir Helden von Rom“ empfohlen.
Autor: Andy Mieland