Das zentrale Ereignis von Sandra Wollners (The Trouble With Being Born) betörendem wie verstörendem Everytime steht stellvertretend für die gesamte Laufzeit dieser filmischen Trauerarbeit. In orangengetöntem Rosa sind die Häuserschluchten von Berlin im Sonnenaufgang gehüllt, während die schwebende Perspektive der Kamera an den geschlossenen, menschenleeren Fenstern vorbeischwelgt. Die Stimme der Teenagerin Jessie (Carla Hüttermann) mahnt uns: „Schau mal!“ Bevor klar ist, welche Perspektive wir in diesem immersiven Zoom einnehmen oder wo dieser Blick überhaupt herkommt, fällt Jessies Körper durch das Bild in den Tod. Ein völlig stiller Moment, dessen Schockwirkung gerade durch seine virtuose Schönheit entsteht. Auf einmal ist er da: Dieser Riss im System, etwas, was nicht hätte passieren sollen und doch passieren musste. Mit dieser Verstörung kommt das Hinterfragen der Perspektive des Filmes, welche Menschen in ihrem entrückten Alltag genauso in den Blick nimmt, wie sie ein paar Sekunden auf dem Popmusik-Poster an Jessies Zimmer verweilt. Ein Jahr nach ihrem Tod steht die nun leere Tür zu ihrem ebenfalls geräumten Zimmer wie eine klaffende Wunde offen. Everytime ist ein Film über Trauer, der den Verlustschmerz nie ausstellt, sich aber auch keinen Trost anmaßt, sondern sein Publikum in eine weitschweifende Zwischenwelt einlullt. Im weiteren Sinne gelingt Wollner dabei ein Film über die zentralsten Elemente: Licht als unheilbringende Schönheit, Zeit als irreale, ihre Bedeutung einbüßende Entität.
Es scheint keinen (Nicht-)Ort zu geben, an welchen die Kamera von Gregory Oke (Aftersun) nicht vordringt: Da ist zum einen die Perspektive einer Drohne, die wie von mysteriöser Hand gesteuert auf Ella (Birgit Minichmayr, Gnade), Jessies trauernde Mutter, zufliegt und schließlich in einer Garage verschwindet. Intrusiv ist der Schnitt auf die Perspektive jenes Flugobjekts, das sich ins schwarze Ungewisse bewegt. Durch jede neue Einstellung entblößt sich Wollners Film und verrät trotzdem nichts. Viel eher vermitteln die alltäglichen, in eine dokumentarische Ästhetik gleitenden Bilder dieselbe Ratlosigkeit, vor der Ella steht. Abgeklärt und mit beiden Beinen im Leben spielt Minichmayr diese Mutter, die selbst beim Wässern des Grabes ihrer Tochter noch am Telefon ist. Eine intensive Beschäftigung mit dem eigenen Verlust scheint keinen Platz im Leben von ihr zu haben, zu sehr wird sie von Jessies hinterbliebenen jüngeren Schwester Melli (Lotte Keiling, Zwei zu Eins) gebraucht. Melli hingegen sucht nach einer eigenen Form von Verarbeitung: Sie gratuliert dem WhatsApp-Profil von Jessie immer noch jedes Jahr zum Geburtstag. Hier manifestiert sich auf zärtliche Weise die verstörende Qualität von Wollners Film. Diese liegt besonders in dem markanten Raum, den die hinterbliebenen Elemente einer für immer verlorenen Person einnehmen können. Offensichtliche Erinnerungsstücke wie die vor ihrem Tod aufgenommenen Fotos auf Jessies Handy werden in Form einer verwunschenen Slideshow auf der Leinwand präsentiert. Aber dann ist da noch das größte „Erbstück“ Jessies an ihre Schwester: ihr Minecraft-Account. Festgesetzt in der In-Game-Perspektive springt die Kamera durch die Welt der grünen Blöcke und „glitcht“ irgendwann durch diese hindurch, betritt eine Welt der umrissenen, unfertigen Blöcke, eine Welt, die in ihrer Transparenz gar nicht existieren sollte. Die Welt der Trauer, durch die sich Ella und Melli bewegen, scheint genau diesen irrealen wie nicht zu verdrängenden Raum einzunehmen. Auch hier blickt man in den viereckigen Sonnenuntergang, die Pixel der wehenden Bäume vervollständigen dieses unwirkliche und dennoch wahrhaftige Bild.
Wollner bündelt alle paradoxen Emotionen dieses Trauererlebnisses in eine Vielzahl derartig abstrakter wie greifbarer Bilder so gekonnt wie kaum ein(e) Filmemacher*In im deutschsprachigen Raum. Das macht die Wirkung ihres Werkes in jedem Bild und in jeder festgehaltenen kleinen Bewegung ästhetisch zwar herausfordernd, allerdings auch sehr festgefahren in ihrem Inhalt. Wollners Film trägt seinen Titel als Referenz als einen permanenten Zustand, auf ein Ineinanderfallen von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Minuten vor ihrem Tod stand Jessie noch nach einer durchzechten Partynacht mit ihrem Freund Lux (Tristán López) an einer Tramstation, plötzlich vorahnend ins Nichts starrend. Ihre Mutter wird sich ein Jahr später völlig unbewusst ebenfalls an diesem Ort wiederfinden und den imaginären Blick ihrer Tochter erwidern. So begegnen sich die Zeiten sehr klar, wie auf Jessies Fotos, auf welchen die Zeit komplett still steht und dennoch als düstere Vorahnung auf das Ende eines viel zu kurzen Lebens fortwährt. So sehr sich der Film auch bemüht, jede Facette der Trauer abzudecken, ohne ein vertrautes Bild zu liefern und ins melodramatische abzurutschen (was zu seinen größten Leistungen gehört), so schlummert gerade in der plastischen Mehrdeutigkeit der Bilder eine große Offensichtlichkeit. Jedes Bild, vergleichbar mit den Todes/Jenseitsstadien aus Gaspar Noes Enter the Void, entspringt aus dem Ereignis des Todes und kann einem trauernden Verhältnis zu sich selbst niemals entkommen. Dies gibt dem Film etwas thematisch Festgefahrenes, welches besonders die Beziehungen der Figuren prägt. Am härtesten trifft die Unmöglichkeit einer vollständigen Trauer Jessies besagten Freund Lux, den alle Welt insgeheim für ihren Tod verantwortlich macht. Als dieser weinend in Ellas Armen liegt tröstet sie den Jungen zwar, widerspricht ihm jedoch nie, wenn er beklagt, er hätte „besser aufpassen müssen.“ Eine thematische Grausamkeit ist in Wollners Ansatz unvermeidlich, ihr völliges Desinteresse an einem Heilungsprozess macht aus ihrer Geschichte und ihrer bildgewaltigen Ästhetik dennoch eine der flachen Hierarchien zwischen Mensch und Schicksal. In seinen (wenn auch wenigen) schwachen Momenten ereilt einen das Gefühl Everytime interpretiere seine Bilder fast stellvertretend für sein Publikum in der Motivation, jede Form von fruchtbarer Trauer zu zerschlagen. Auch in dieser Schwäche sei Wollners Ansatz zu loben: Dem Klischee der Heilung durch eine Patchworkfamilie, wie auch des Urlaubs nach Teneriffa als Reise zu sich selbst, erteilt sie eine verdiente Absage, wenn auch diese durch nichts ersetzt wird. Zynisch könnte man auch den ambitionierten und thematisch gewagten dritten Akt des Filmes als Kitsch betrachten, in welchem Tochter Melli mit der Kraft der Sonne und den Geistern des Jenseits ganz nahekommen wird. Konsequent ist dieser dennoch: Licht interpretiert Wollners Film als Quelle des Ungewissen wie der Erleuchtung. Und Schmerz währt vielleicht für immer, die verlorene Person aber auch.