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Ein Fluss fließt ruhig dahin. An den Ufern läuft die Zeit rückwärts und fördert verschüttete Geschichten zutage. Im frühen 19. Jahrhundert wagen sich nicht nur Pelzjäger, sondern auch ein wortkarger Koch ins wilde Oregon. Der Einzelgänger trifft auf einen chinesischen Einwanderer, der sich als geschickter Unternehmer erweist und sein Freund wird. Das Duo kommt auf die Idee, Donuts zu backen und zu verkaufen, die im rauen Westen sehr gut ankommen. Der Haken: Den Rohstoff beschaffen sie illegal.

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Quelle: themoviedb.com

Kritik

In lyrischen Bildern und sanftem Tempo erzählt Kelly Richardt (Certain Women) eine unscheinbare Geschichte von Gebäck. Doch in charakteristischer Manier steckt in der vermeintlich schlichten Story, frei nach Jonathan Raymonds (Night Moves) Roman The Half-Life, eine komplexe Parabel über gesellschaftliche Ausgrenzung, kapitalistische Fallstricke und sozialökonomische Benachteiligung. Deren Muster verfolgt die Regisseurin und Drehbuchautorin bis zurück ins Oregon des frühen 19. Jahrhunderts, als die idyllische Natur unberührt und die schöne Neue Welt voller (Geschäfts)Möglichkeiten schien. Eine trügerische Hoffnung.

Darauf verweist neben dem vorangestellten William-Blake-Zitat die Anfangsminuten, in denen eine Hundebesitzerin (Alia Shawkat, Duck Butter) zwei Skelette findet. Ein szenischer Brückenschlag zur Gegenwart, deren unerbittliche wirtschaftlicher Realität das allegorische Freundschaftsdrama tatsächlich behandelt. Trotz des feinen Humors und der malerischen Szenarien ist diese Welt, in der Trapper-Koch Otis “Cookie” Figowitz (John Magaro, Jack Ryan) und der chinesische Immigrant King-Lu (Orion Lee, Dead in a Week) Freunde werden, brutal und hässlich. Das (un)menschliche Verhalten kontrastiert scharf mit der landschaftlichen Schönheit.

Gier, Xenophobie, Klassenhierarchie und Gewaltbereitschaft ihres zivilisationsfernen Umfelds überschatten der friedliebenden Außenseiter kurzweiligen Erfolg. Ihre begehrten Ölkrapfen backen sie mit Milch der Titelkuh des Lokalelitären Chief Factor (Toby Jones, Louis Wain), der die süßen Köstlichkeiten wittert. Marktmonopolismus, strategische Verknappung, die ambige Bedeutung von Luxusgütern als Genussmittel oder Statussymbol, Konsumneid und Ausbeutung, sowohl auf ökologischer als auch menschlicher Ebene, sind motivisches Fundament der poetischen Systemkritik, in der eine eingezäunte Kuh zum Sinnbild materialistischen Privilegs und wirtschaftlicher Chancenungleichheit wird.

Fazit

Zum Glück gibt es das Kulinarische Kino der Berlinale nicht mehr. Sonst wäre Kelly Richardts hintersinniges Sozialdrama am Ende dort gelandet. Voll stiller Kraft kondensiert die Regisseurin aus Jonathan Raymonds Romanvorlage eine zeitlose Systemkritik, die ebenso wunderbar als tragikomische Wild-West-Story funktioniert wie als bittere Allegorie von struktureller Benachteiligung, Imperialismus und Rassismus. Subtile Details und flüchtige Momentaufnahmen bergen mehr Gesellschaftskommentar und menschliches Drama als diverse plakative Tiraden dieser Berlinale, die mehr solcher Filme braucht.

Autor: Lida Bach

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