Inhalt
Auch in Geburtskliniken kämpfen Palästinenser gegen die Vernichtung. Wie viele Ehefrauen von Gefangenen in israelischen Gefängnissen versucht Hind, das Sperma ihres Mannes einzuschmuggeln, um ein Kind zu bekommen und die Hoffnung auf eine Zukunft nicht aufzugeben. Doch das Unterfangen ist riskant: Sperma ist nur begrenzt haltbar, und sie muss gegen die Zeit, Kontrollpunkte und den Verkehr im Westjordanland ankämpfen, während Bomben auf Gaza fallen.
Kritik
Der doppeldeutige Titel Ahmet Sevens dokumentarischer Fallstudie weist zugleich auf den komplexen politischen Hintergrund des Dilemmas der verzweifelten Protagonistin und die untrennbar verwebten individuellen und ideologischen Implikationen ihres Wunschs. Palästinenserin Hind lebt in Jerusalem als Ehefrau eines der lebenslänglichen palästinensischen Häftlinge in israelischen Gefängnissen. Um neue Hoffnung für die Zukunft zu schöpfen und ihrer Einsamkeit zu entkommen, wünscht sie sich sehnlichst ein Kind von ihm. Ohne die Möglichkeit ehelicher Besuche ist die einzige Möglichkeit künstliche Befruchtung.
Die emotional und politisch aufgeladene Ausgangssituation liefert das dramaturgische Momentum einer zwischen Charakterporträt und existenzialistischer Chronik navigierenden Krisenberichts. Eine offizielle Erlaubnis für ihr Vorhaben oder gar die Kooperation der Gefängnisbehörde zu erlangen, scheint von vornherein utopisch. So bleibt Hind einzig zu versuchen, was eine Bekannte in ähnlicher Lage vollbracht hat: Sie muss eine aus dem Knast geschmuggelte Sperma-Probe in die Mutterschaftsklinik bringen, um eine IVR durchführen zu lassen. Militärcheckpoints, Straßensperren und Bombenhagel machen das Unterfangen zu einem Drahtseilakt.
Im Schatten des Genozids und unter den omnipräsenten Schikanen Israels kollidieren im Versuch, ein neues Leben zu erzeugen, intime Wünsche und ideologische Überzeugungen. Der türkischstämmige Regisseur inszeniert den Kampf der Protagonistin, die von immer neuen Rückschlägen gebeutelt wird, als nervenaufreibendes Real-Drama. Die dichte, mitunter zudringliche Kamera wird zum visuellen Katalysator von Kummer und Angst, ebenso wie ihrer wachsenden Fixierung auf dieses eine Ziel. Weder alternative Perspektiven noch psychologische Evaluation finden Platz neben dieser monolithischen Mutterschaftsmission.
Fazit
Dramatische Verdichtung und die auffällige Abwesenheit dokumentarischer Distanz geben Ahmet Sevens angespanntem Reality-Drama die nervöse Struktur eines Thrillers. Diese Fokussierung auf menschliches Drama und situative Spannung verdrängt den politischen Kontext, der die komplizierte Konstellation antreibt. Im alltäglichen Ausnahmezustand werden selbst privateste Akte wie Fortpflanzung und Familiengründung zur öffentlichen Affäre. Während das Schicksal der Hauptfigur ein kaum beachtete Facette israelische Terrors beleuchtet, bleibt ihr persönlicher Hintergrund so spärlich ausgeleuchtet wie das Netzwerk um reproduktive Medizin unter systemischer Repression.
Autor: Lida Bach