Nach dem Tod der 17-jährigen Aisha erscheint sie in Elias’ Träumen und entfacht eine leidenschaftliche Romanze, die die Grenze zwischen Traum und Wirklichkeit verschwimmen lässt.
Kritik
Bis das der Tod uns scheidet, gilt nicht für die jungen Hauptfiguren Fatih Akins (Amrum) bittersüßer Romanze zwischen Diesseits und Jenseits. Beider Grenze ist für 40 Tage durchlässig laut der muslimischen Bräuche, die Alltagsrealität und spirituelle Wahrnehmung der Figuren grundlegend prägen. Es sei so, weil sie daran glauben, erklärt der 20-jährigen Farasha (Mariam Dawoud) ihr verstorbener Vater. Er ist einer der titelgebenden Toten, die für die besagte Frist mit den Lebenden interagieren können. Dieses phantasmagorische Fenster in die physische Welt nutzt nach einem fatalen Autounfall auch Farasha.
Im Traum erscheint sie dem gleichaltrigen Faris (Eren M. Guvercin, Banksters, als Chalamet-Lookalike), den sie in der letzten Nacht vor ihrem Tod bei einer Party kennenlernte. Es ist Liebe auf den ersten Blick zwischen ihr und Faris, der in der gleichen Nacht mit ihr, ihrer besten Freundin Una (Carlotta von Falkenhayn, Karla) und seinem besten Kumpel im Wagen von einer nächtlichen Baustelle in die Hamburger Nordsee gerät. Auf wundersame Weise überleben alle außer Farasha, für deren Tod er sich verantwortlich glaubt und mit der er wieder vereint sein möchte.
Trauer, Tragik und Todessehnsucht überschatten eine junge Liebe, die von Anfang an zu ideal scheint, um Bestand zu haben. Das paradigmatische Protagonisten-Paar ist füreinander zugleich Verkörperung eines unerreichbar gewordenen Ideals. Faris steht aus Farashas Sicht für eine Zukunft, die ihr genommen ist, sie bedeutet für ihn ein Konzept ewiger Liebe, das für immer verloren scheint. Das zwanghafte Festhalten am anderen birgt auch Selbstfixierung, die sich ebenso bei den alleinerziehenden Müttern des Liebespaares zeigt. Unwiederbringlichen Verlust zu akzeptieren wird zum ultimativen Zuneigungsbeweis gegenüber dem geliebten Menschen.
Fazit
Sehnsucht und Schuldgefühle verschmelzen zu einer elegischen Komposition aus Melodram und metaphysischer Metapher in Fatih Akins Eröffnungsfilm des 74. San Sebastian Film Festivals. Die urbane Topographie Akins Heimatstadt Hamburg wird zur symbolreichen Kulisse des düsteren Jugenddramas, das den extremen Gefühlen seiner unglücklichen Figuren mit ungewöhnlichem Ernst begegnet. Dawoud und Lama Alhalabi als ihre trauernde Mutter erden mit ihrem eindringlichen Spiel eine paranormale Parabel. Jene verarbeitet die Tabu-Themen jugendlichen Freitods und reaktiver Depression zu einem atmosphärischen Amalgam von Psycho-Drama und Popcorn-Kino, das auf ein US-Remake nur zu warten scheint.
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