Inhalt
1937 erklärte das NS-Regime der Moderne den Krieg und brandmarkte Künstler wie Picasso, Chagall, Van Gogh und Matisse als „entartet“. Ihre Werke wurden verboten, zerstört oder in grotesken Ausstellungen verhöhnt, während arische Ideale in staatlich geförderten Schauspielen verherrlicht wurden. Anlässlich einer großen neuen Ausstellung im Musée Picasso in Paris beleuchtet der Dokumentarfilm diesen ideologischen Angriff anhand von seltenem Filmmaterial, unterdrückten Kunstwerken und den Stimmen von Kuratoren und Überlebenden.
Kritik
Am 19. Juli 1939 eröffnete in München die spektakuläre Schmäh-Schau, die Simona Risis defizitärer Doku den Titel gibt. Initiiert von Joseph Goebbels und geleitet vom Präsidenten der Reichskammer der bildenden Künste, Adolf Ziegler, wurde die Ausstellung “Entartete Kunst” zu einem paradoxen Erfolg. Über zwei Millionen Besuchende strömten in die Hofgarten-Arkaden, um die aus 32 Museen abgezogenen 650 Werke zu sehen, die laut faschistischer Propaganda pervers, psychopathisch und politisch gefährlich waren. Weniger bekannt als die legendäre Aktion ist deren Nazi-konformes Parallel-Event.
Daran ändert Risis oberflächlicher Geschichtsabriss allerdings wenig. Die „Erste Große Deutsche Kunstausstellung“, die es mit ihren “arischen” Ausstellungsobjekten nur auf knapp über 400.000 Gäste. Brachte, übergeht die italienische Regisseurin ebenso wie Kunstschaffenden und ihre Werke, die den Führer angeblich in Schrecken versetzten. Die Hypothese, dass Hitlers Hass auf diverse zeitgenössische Kunstströmungen - Kubismus, Fauvismus, Futurismus, Impressionismus, Expressionismus unter anderem sowie alles, was auch nur vage abstrakt war - tatsächlich Furcht entsprang, ist durchaus spannend. Noch spannender sind die Prozesse und Sanktionen gegen unerwünschte Künstler*innen.
Ungeachtet der großspurigen Einleitung behandelt die schematische Skizze keinen dieser elementaren Aspekte. Hitlers Ängste, seine Kunstauffassung, seine bekanntermaßen frustrierten künstlerischen Ambitionen, der groß angelegte Kunstraub der Nazis und der lukrative Verkauf konfiszierter Werke kommen nicht vor. Genauso wenig Hitlers Differenzen mit Goebbels, der nordische Kunstschaffende wie Munch ideologisch integrieren wollte, und die oftmals tragischen, mitunter erschreckend opportunistischen Schicksale bekannter Künstler*innen. Das pathetisch kommentierte Potpourri selektiver Standardfakten und biographischer Anekdoten nährt sich der Thematik einzig in ihrem konformistischen Kalkül auf moralische Schocks.
Fazit
Der pathetische Kommentar leistet wenig zur thematischen Vertiefung Simona Risis unstrukturierten Dokumentarfilms, der die faschistische Verfolgung von Kunstschaffenden mit der von Literat*innen und Intellektuellen vermischt. Bruchstückhaft und oft simplifiziert zementieren Interviews mit Historiker*innen und Kunstakademiker*innen fragwürdige, teils verworrene Narrative von Massenmanipulation, einem vaterlosen Volk und reißerischen Vignetten einer vermeintlichen Weimarer Dekadenz. Historische Kontextualisierung fehlt ebenso wie aktuelle Bezüge zu Kunstzensur, den queerfeindlichen Bücherverboten in den USA und die Gemälde-Attacken eines aufmerksamkeitsheischenden Anti-Kunst-Aktivismus, der die faschistische Aggression gegen Kunstwerke beunruhigend zelebriert.
Autor: Lida Bach