Inhalt
Director Pepa Lubojacki tries to understand why her beloved older brother and two cousins live unhoused while struggling with addiction.
Kritik
„Have you ever grieved someone who hasn't died, yet?“ Die Frage stellt Pepa Lubojacki als rhetorischen Rahmen an Anfang und Ende ihres dokumentarischen Doppelporträts von Liebe und Loslassen, familiären Rissen und unverbrüchlichen Banden - und Abhängigkeit, in physischer, psychischer und emotionaler Form. Suchtverhalten und Substanzkonsum graben sich tief in die Familiengeschichte der tschechischen Regisseurin, die in ihrer ersten Langfilm-Kinoarbeit deren verheerende Auswirkungen in ihrem engsten Umfeld ergründet. Ihr älterer Bruder Daniel ist seit Jahren Alkoholiker, die letzten acht davon auf der Straße.
Dort trifft ihn Lubojacki erstmals vor der Kamera ihres iPhones, mit dem sie sieben Jahre lang die Höhen und Tiefen Daniels Befindens und beider Beziehung filmte. Unstet, in schrägen Einstellungen und oftmals verwackelt, wird die ungeschliffene Optik des aktuellen Filmmaterials zum Katalysator der mentalen und strukturellen Instabilität Daniels Lebens. Das ist mal relativ konstant in einer selbst hergerichteten Heimstadt am Rande eines verlassenen Baugeländes. Er rotiert zwischen kurzfristigen Phasen trügerischer Stabilität, Notunterkünften, leerstehenden Häusern, öffentlichen Parks und leerstehenden Zimmern von Bekannten von Bekannten.
Ihre Mutter lebt noch, aber ringt mit seinem Alkoholkonsum auf ihre Art ebenso wie Lubojacki. Pepas Vater und der Daniels sind tot, früh verstorben an Alkohol und Tabletten. Ihre beiden vertrautesten Cousins sind ebenfalls süchtig und obdachlos. Den Begriff vermeidet Lubojacki wegen der negativen Konnotationen, die am Rand des Geschehens sichtbar werden. Im Kreis ihrer Familie auf der Straße wird sie unsichtbar, berichtet sie im Off-Kommentar, der die frei assoziative Collage von Handy-Szenen, AI-Animationen sowie alten Kindheits- und Familienfotos grob strukturiert.
Die Anti-Ästhetik der kruden AI-Bilder stellt einen scharfen Kontrast zu den drolligen Fotos. Deren Eintracht verbirgt generationsübergreifende Gewalt und Abhängigkeit verbergen. Die Frage, wie aus dem coolen Skater, dem Einser-Schüler-Cousin und dessen rebellischen Bruder drei werden konnten, stellt die Regisseurin immer wieder, genau wie die Frage danach, was bei ihr anders war. Mittels AI zum Sprechen gebrachte Bilder der Geschwister und Lubojackis Vaters antworten mit Statistik und sozialpsychologischen Untersuchungen, deren Schlussfolgerungen für sie ebenso unbefriedigend bleiben wie für das Kinopublikum.
Fazit
Allegorische Motive, verfremdete Rückblicke und intime Beobachtungen verknüpft die elliptische Struktur zu einer berührenden Chronik geschwisterlicher Verbundenheit. Deren radikal subjektiver Blick auf familiäre Traumata und den zermürbenden Kreislauf der Sucht schafft in seiner schonungslosen Rohheit seltene menschliche Authentizität. Zuneigung und Schmerz, gegenseitige Fürsorge und Wut ringen beständig miteinander. Überlänge und gelegentliche Tendenz zu seelischem Exhibitionismus untergraben bisweilen die Wirkung der stärksten Momente. Dennoch bewahrt die visuell und psychisch gleichsam markante Langzeit-Doku ihre gesellschaftliche Relevanz und emotionale Intensität, insbesondere in der Message von Respekt und Akzeptanz.
Autor: Lida Bach