Inhalt
Siavash sitzt am Steuer, gefilmt von seiner Schwester Mahsa; sie sind unterwegs, irgendwo in den Vereinigten Staaten. „Into the jaws of the oger“ ist ein freies, anmutiges Roadmovie in Form eines Dokumentarfilms, der zwischen Iran und den USA spielt und zwischen Kindheit, Erinnerung und Gegenwart changiert.
Kritik
“Never let the truth get into the way of a good story”, sagt Siavash Karampour in einmal vor der Kamera, durch die seine Schwester Mahsa Karampour beider belastete Beziehung reflektiert. Das Epigraph rührt an das dramaturgische Navigieren zwischen schmerzlicher Erinnerung und Eskapismus, Revisionismus und Realität. Das komplizierte Konstrukt individueller Wahrheit wird zum fragmentierten Fluchtpunkt einer (auto)biographischen Collage. In Kombination gegenwärtiger Trends des dokumentarischen Kinos entwickelt dieses experimentelle Langfilm-Debüt seine politischen Positionen aus persönlichen Perspektiven.
Selbige sind die der Regisseurin und ihres jüngeren Bruders, deren Lebenswege zwischen iranischer Heimat und Exil einander teils spiegeln, teils kontrastieren. Mahsa wanderte nach Frankreich aus, als Siavash noch ein Kind war. Seine Liebe zur Musik, die Mahsa als kleines Mädchen teilte, brachten ihn als Sänger zur Tehraner Punk Band The Yellow Dogs. Aufgrund der auf ein de facto verbot hinauslaufenden Ächtung von Punk und Rock konnten die Yellow Dogs im Iran nur heimlich auftreten.
Doch die rabiate Zensur und Verfolgung von Musikschaffenden sind nur eine narrative Randnotiz, die Siavash mit der Gruppe in die USA bringt. Cameos in Bahman Ghobadis semi-fiktiver Exkursion in Irans Underground Rock-Szene No One Knows About Persian Cats schienen das ideale Sprungbrett für eine internationale Karriere. Diese Ambition starb buchstäblich mit Drummer Arash Farazmand und Gitarrist Soroush Farazmand, die ein Bekannter der Band erschoss. Schmerz und Schuldgefühle verfolgen die Geschwister auf ihrem gemeinsamen Weg zu Annäherung und Aufarbeitung.
Fazit
Die angeschlagene Beziehung zu Familienmitgliedern fungiert in Mahsa Karampours melancholischem Mosaik aus Archiv-Aufnahme und neuem Material als Analogie des Verhältnisses zu Heimat und eigenem Lebensweg. Letztem gilt der eigentliche Fokus der unsteten Inszenierung, die unangenehme Themen nie direkt konfrontiert. Familienvideos, Konzert-Mitschnitte, alte Fotos und Handy-Clips werfen Schlaglichter auf die gemeinsame Geschichte der Geschwister. Ihre von Krieg, Repression, Tragödien und künstlerischer Kreativität durchzogene biographische Kulisse wirkt zugleich spannender und zeitpolitisch relevanter als die privaten Konflikte im Vordergrund.
Autor: Lida Bach