Inhalt
Kritik
Als eine klassische Verkörperung von Männlichkeit, Machismo und Mythos ist die Figur des Cowboys zugleich Paradox, Pendant und Projektionsfläche der queeren Kultur, denen Efraín Mojica und Rebecca Zweig ihr schillerndes Porträt widmen. Mit leichthändiger Lakonie erkundet die dokumentarische Skizze in nur knapp 70 Minuten die Facetten queerer Identität, performativer Maskulinität und konservativer Tradition im ländlichen Mexiko. Der entlegene Ort Penjamillo de Degollado im westlichen Michoacán wird zum szenischen Schauplatz des Jaripeo, einer lateinamerikanischen Variation des Rodeos, das für Mojica persönliche Bedeutung hat.
Der Co-Regisseur agiert zugleich als Protagonist und Stimme des pointierten Porträts. Jenes betrachtet die queeren Aspekte des schillernden Spektakels dadurch mit einer individuellen Intimität. Diese erlaubt nicht nur emphatische emotionale Einblicke, sondern bricht mit dem klassischen Konstrukt des wortkargen Western-Helden. Hypermaskuline Rituale, mitreißende Musik und der riskante Wettkampf des Bullen-Reitens, das anders als in der US-Version andauert, bis Tier oder Reiter erschöpft sind, formen einen Mikrokosmos von extatischer Körperlichkeit, animalischer Kraft und reizvoller Gefährlichkeit. Historie und Phantasie, Brutalität und Begehren überlagern einander.
Im Zelebrieren eines unauflöslichen Geflechts von Lebensweise und Legenden sind klassische Kostüme zugleich Maskerade und authentischer Ausdruck eines Selbst, das in der patriarchalischen Gesellschaftsordnung der mexikanischen Provinz keinen Platz hat. Die spürbare Faszination verschleiert nicht den Blick auf eine repressive Realität. Interviews offenbaren die Unsicherheiten und Selbstverleugnung einiger der Männer, die ihre Sexualität nicht offen leben wollen können .
Fazit
Dass Efraín Mojica und Rebecca Zweig den Titelbegriff nie konkretisieren, verweist auf den impressionistischen inszenatorischen Ansatz. In seiner subjektiven und kollektiven Vielschichtigkeit entzieht sich der Mythos des Jaripeo einer didaktischen Definition. Surreale Szenen und verspielte Vignetten akzentuieren die Erotisierung und Ironie, mit denen die queere Jaripeo Szene den archaischen Mustern der Rodeo-Kultur begegnet. Emilia Ezeta und Marton Radics experimentelles Score mixt elektronische Klänge mit Elementen des Norteño zu einer kongenialen Klangkulisse. Cinéma vérité, körniges Super-8-Format und schwärmerische Stilisierung dienen als formale Indikatoren des fließenden Übergangs von Erinnerung, Begehren und Traumwelt.
Autor: Lida Bach