Inhalt
Mitte des 19. Jahrhunderts reist die junge Māori Mary von Neuseeland nach England um über ihre Familie nachzuforschen. Kurz nach ihrer Ankunft plagen sie blutige Visionen von gewalttätigen Ereignissen. Doch das Grauen beschränkt sich nicht nur auf ihre Fantasie. Im düsteren Anwesen mit seinen dunklen Winkeln und zahlreichen Verstecken verbirgt sich etwas ganz Reales.
Mārama gehört zum Programm der Fantasy Filmfest Nights 2026 (weitere Infos hier)
Kritik
“This story is grounded in the colonized history of Aotearoa New Zealand. It contains disturbing scenes of the violation and desecration of Māori culture. To move into our future we must understand our past …”, besagt eine Text-Einblende noch vor dem Vorspann und der ersten Szene Taratoa Stappards suggestiven Spielfilm-Debüts. Dessen thematischen Fokus und historischen Hintergrund bündelt diese Einleitung ebenso wie die inszenatorischen Stärken und Schwächen. Zweite sind vor allem die Tendenz zu überdeutlichen Erklärungen, die kaum Raum für eigene Rückschlüsse lassen, und Zusammenhänge offenbaren, die angedeutet wirkungsvoller gewesen wären.
So begegnet das Publikum den Charakteren bereits im Bewusstsein der kolonialistischen Wunden und Schuld, die sie mit sich tragen. Aotearoa ist der ursprüngliche Name der Māori für ihr von den englischen Invasoren Neuseeland genanntes Land. Das Nebeneinander der beiden Bezeichnungen unterstreicht die Allgegenwärtigkeit koloniaistischer Machtstrukturen und antizipiert zugleich auf die Überschneidung und Verflechtung māorischer und britischer Kulturtraditionen. Jene sind Kernelement der Handlung, die der jungen Mary Stephens (Ariāna Osborne) aus ihrer neuseeländischen Heimat in den diesig-kalten Norden Yorkshires folgt, ebenso wie der Inszenierung, die Geister-Sagen und Gothic Novel stimmungsvoll verknüpft.
Ein ominöser Brief bittet Mary Mitte des 19. Jahrhunderts in das düstere Anwesen des Walfang-Großunternehmers Nathaniel Cole (Toby Stephens, The Morrigan), dessen kleine Tochter Anne (Evelyn Towersey) sie als Gouvernante betreuen soll. Vom klangvollen Namen bis zu den von flackerndem Kerzenlicht schwach beleuchteten Gängen, in denen geraubte Güter Marys Ahnen zur Schau gestellt werden, ist Hawkser Manor Inbegriff des viktorianischen Spukhauses. Das Spiel mit stilistischen Stereotypen wird zum metatextuellen Pedant des Paradierens und Parodierens maorischer Kultur zur Unterhaltung Coles britischer Gästen. Hinter seiner Faszination für ihr Heimatland erkennt Mary einen brutalen Besitzanspruch.
Gespenstische Visionen zeigen die in der wachsamen Protagonistin, die Osborne mit schwelendem Zorn verkörpert, erwachende spirituellen Gaben ihrer Vorfahrinnen. Ihnen ist sie näher als geahnt in dem labyrinthischen Gemäuer, übervoll mit kulturellen Relikten und erbaut mit einem Vermögen aus Blutvergießen an Menschen und Tieren. Was für ihre englischen Gastgeber Ausdruck von Eleganz und Weltkenntnis ist, ist für Mary halb Gruft, halb Schlachthaus. Die Schatten des Kolonialismus, der in der Handlungsära und Gegenwart bedrückend lebendig ist, sind der wahre Horror. Das Offenkundige in Dialogen noch explizit zu benennen, mindert nur dessen Wirkung.
Fazit
In opulenten Kulissen lässt Taratoa Stappard die rastlosen Geister Neuseelands blutiger Kolonialgeschichte auferstehen. Fahles Tageslicht und nächtlicher Kerzenschein hüllen die spukhaften Settings in ständiges Halbdunkel. Der titelgebende Māori-Name der Protagonistin deutet auf das Wiedererwachen gewaltsam verdrängter Kulturtraditionen in einem Vergeltungsritual, das die Eroberer in deren eigener Heimat einholt. Überexposition und bisweilen didaktische Dialoge schwächen indes die Wirkung des vielversprechenden Genre-Debüts. Dessen Einflüsse Béla Bartóks und Charles Perraults geben dem Szenario eine Spur opernhafter Theatralik, die mit der melodramatischen Gothic Tradition harmoniert. Dieser artifizielle Rahmen akzentuiert den bedrückenden Realismus der schaurigsten Details.
Autor: Lida Bach